Eine Gesellschaft verbiegt sich

von Michael Wolf

Heidelberg, 24. April 2018. Der Abend beginnt mit einer Abrechnung. Rebecca Klingenberg tritt als Agnes vor den Vorhang und zählt auf, wen sie alles satt hat. Die Liste ist endlos: Paare, Sportler, Hundefreunde, Wenderoman-Autoren, Kiffer. Wahllos ist die Kunstkritikerin in ihrer Ablehnung. Sie macht Alkoholiker genauso zur Schnecke wie Abstinenzler.

Auch an ihrem Umfeld lässt sie kein gutes Haar. Ihre Freundin Fanny schreibe als Kolumnistin nur oberflächlichen Blödsinn. Die Musik ihres Sohns Orlando bereite ihr "Ohrenkrebs". Ihr ältester Freund belüge sich selbst, wenn er neuerdings auf monogam mache. Denn das ist die schlimmste aller Sünden in Agnes' Privatreligion: Unaufrichtigkeit. "Ich erwarte nicht von meinen Freunden, dass sie funktionstüchtige Leistungsträger sind. Aber ich erwarte von ihnen, dass sie ehrlich sind. Vor allem zu sich selbst."

Grenzen der Ehrlichkeit

Rebekka Kricheldorfs "Fräulein Agnes" ist die wohl undiplomatischste Figur seit Molières "Menschenfeind", auf den die Autorin deutlich Bezug nimmt. Auch Alceste verachtete die Heuchelei, den Hof und die Höflichkeit. Auch er endete allein und ungeliebt. Als Agnes Gespräche ihrer Freunde aufnimmt, um sie später an ihre Aussagen und Lebenspläne zu erinnern, reißt denen der Geduldsfaden. Das Stück verhandelt die rote Linie, an der unsere Ehrlichkeit enden muss, damit Umfeld und Gesellschaft uns akzeptieren.

FrlAgnes2 700 Georges Pauly uEkel auf alles: Agnes (Rebecca Klingenberg hinten) mag gar nichts. Schon gar nicht die Auftritte ihres Sohns (Marius Ahrendt)
© Georges Pauly

"Fräulein Agnes" ist kein Stück der Stunde. Im Gegensatz zur höfischen Epoche Molières scheint das Thema in unserer Gegenwart nicht allzu dringlich. Immerhin demonstrieren Spalter, Hater und Populisten derzeit sehr eindrücklich, dass Zurückhaltung sogar am Aufstieg hindern kann. So abstrakt das Thema, so vorhersehbar auch Kricheldorfs Dramaturgie. Spannung kommt erst gar nicht auf. Nach ein paar Seiten ist das Problem diagnostiziert und das Ende klar. Fanny prophezeit es Agnes: "Du forderst absolute Ehrlichkeit? Dann sag ich dir ganz ehrlich: Ich mach mir Sorgen. (…) Wenn du so weiter machst, dann endest du an einem sehr, sehr finsteren Ort."

Tapfer bösartig

Nein, das Stück gehört nicht zu den besten Texten der Autorin. So kraftlos, wie Regisseur Erich Sidler den Stoff am Deutschen Theater Göttingen inszeniert hat, ist er aber ganz sicher nicht. Sidler lässt seine Hauptdarstellerin fast eindreiviertel Stunden im immergleichen Ton herummeckern. Keine Heldin gibt Rebecca Klingenberg, und nicht mal für eine Anti-Heldin zieht sie ausreichend Sympathie. Schon klar, die Figur ist die personifizierte Härte, aber warum darf sie sich dann nicht wenigstens lustvoll in ihrer Selbstgerechtigkeit suhlen? Klingenberg präsentiert Bösartigkeit wie tapfer zu bewältigende Akkordarbeit.

FrlAgnes1 700 Georges Pauly uZu Füßen liegen ihr Kunstmacker, Selbstdarsteller, Galeristen-Groupies © Georges Pauly

Die Pointen des Textes streiken derweil aus Protest gegen die abgehobene Regie. Sidler hätte Agnes' böse Schlagfertigkeit, den Witz der Dialoge und das aufgeblasene Kunstbetriebs-Blabla aussspielen können. Etwas mehr Tempo in den Dialogen hätte dafür schon genügt. Stattdessen macht er Gymnastikstunde.

Körpersprachliches Verrenken

Die Figuren verrenken sich ständig, verschränken grotesk ihre Arme, verknoten die Beine. Marius Ahrendt als Sohn sieht dabei entweder aus, als müsse er dringend Pipi oder sich einen Schuss setzen. Gaia Vogel und Christina Jung posieren in einer Melange aus Kylie Minogue, altägyptischer Wandmalereien und barockem Hoftanz.

Auch ein Zitat zur Zeit Molières', der immerhin Ballettkomödien schrieb. Als Teil der Gesellschaft müssen wir uns verbiegen, die Symbolik leuchtet durchaus ein. Dafür die auf Tempo zielenden Dialoge zu drosseln, ist – diplomatisch ausgedrückt – eher nicht konstruktiv. Die Moral des Stücks ist klar: Wir alle müssen uns anpassen. Die Moral dieses Theaterabends auch: Regisseure von Uraufführungen sollten Stücke formen, nicht deformieren.

Fräulein Agnes
von Rebekka Kricheldorf
Uraufführung
Regie: Erich Sidler, Bühne: Friedel Vomweg, Kostüme: Bettina Latscha, Musik: Jan-S. Beyer, Choreografie: Valentί Rocamora i Torà, Dramaturgie: Matthias Heid, Video "Verlorene Form": Philipp Ludwig Stangl.
Mit: Marius Ahrendt, Florian Donath, Florian Eppinger, Angelika Fornell, Christina Jung, Rebecca Klingenberg, Christoph Türkay, Gaia Vogel.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause
www.dt-goettingen.de