Wenn alles langsam vergilbt

nachtkritik.de: Wolfram Hölls “Drei sind wir” wurde 2016 in Leipzig uraufgeführt und mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet. Wie kam es dazu, das Stück Anfang 2017 am Burgtheater nachzuinszenieren? Waren Sie in die Auswahl involviert?

Valerie Voigt-Firon: Ich kannte Wolfram Höll schon als Autor und fand “Und dann” ein fantastisches Stück. Gerade seine Sprache ist wahnsinnig interessant und sehr herausfordernd. Eva-Maria Voigtländer, eine Dramaturgin des Burgtheaters, hat mich dann auf “Drei sind wir” aufmerksam gemacht, das gerade in Leipzig uraufgeführt worden war. Ich habe das Stück gelesen, zum ersten Mal, dann ein zweites und ein drittes Mal, und war begeistert. Die Entscheidung, dass wir “Drei sind wir" am Burgtheater machen, ist dann schon gefallen, bevor Höll den Mülheimer Dramatikerpreis bekommen hat.

nachtkritik.de: Das Stück zeichnet sich durch eine Ambivalenz aus zwischen einer sehr kunstfertigen, gar artifiziellen Sprache und eigentlich recht konkreten realistischen Handlungselementen: Ein Familiendrama über Trisomie 21 und über Eltern, die im Wissen leben müssen, dass ihr Kind bald sterben wird. Wie geht man mit dieser Ambivalenz um? Gab es für Sie je die Überlegung, realistisch zu inszenieren?

Voigt Firon Valerie 200 Reinhard WernerValerie Voigt-Firon 
© Reinhard Werner

Valerie Voigt-Firon: Für mich als Regisseurin war Hölls Sprache ein sehr wichtiges Element. Einerseits ist sie bei ihm immer ein Stilmittel, sehr musikalisch, fast wie moderne Lyrik. Andererseits eröffnet die Sprache gerade bei dieser Thematik eine komplexe Perspektive aus der Distanz: nicht in dem Sinne, dass man so abgeklärt ist, dass man das Thema nicht an sich ranlässt, sondern eher, als wäre das ganze passiert, und man erzählt das in einer Art “taubem” Zustand einige Zeit später nach. Für mich war wichtig, dass ich das nicht mit einem Realismus bediene, sondern auf die Sprache stark eingehe, in meiner Inszenierung etwa mit chorischen Passagen. Die Arbeit an der Sprache wird so auch zu einem inhaltlichen Abarbeiten an diesem Jahr, zu einem Auf- und Abbauen des Themas als Sprachprozess.

nachtkritik.de: In “Drei sind wir” gibt es ja auch eine räumliche Distanzierung: Die Kleinfamilie wandert nach Kanada aus, und gerade durch den Großelternbesuch gibt es da durchaus einen touristischen Blick auf das Land. Gab es für Sie Überlegungen, Kanada als Setting irgendwie produktiv zu machen?

Valerie Voigt-Firon: Ich habe meine Inszenierung bestimmt nicht realistisch irgendwo in Kanada verortet, so klischeehaft durch ein Bühnenbild mit Ahornblättern etwa (lacht). Ich glaube aber, dass Kanada einen Sehnsuchtsort darstellt, der für eine gewisse Freiheit, für Weite und Offenheit steht – auch in einem politischen Sinn, wenn es um liberale Werte geht. Und natürlich auch für Naturverbundenheit: der Verlauf der Jahreszeiten, die Natureinwirkungen, die Höll in dem Stück beschreibt, kommen in einem Land wie Kanada wahrscheinlich stärker zum Tragen. Man könnte die Bezugnahme auf die Natur auch verstehen als ein Zurückgeworfensein auf ein Element, das man nicht in der Hand hat, das man nicht beeinflussen kann: die Auseinandersetzung mit der Krankheit des Kindes.

nachtkritik.de: Haben Sie sich Uraufführung in Leipzig eigentlich angesehen?

Valerie Voigt-Firon: Nein. Ich kann also auch gar nicht sagen, ob es eine gute oder schlechte Entscheidung war, das nicht zu machen. Es hat mir aber natürlich eine gewisse Freiheit gegeben, ohne Vorlage zu arbeiten.

nachtkritik.de: In Ihrer Inszenierung spielen Sie ja mit einer Art Retro-Stimmung, mit altmodischen Kostümen in Braun- und Rottönen, Pacman-Projektionen, Kassettenrekordern und Magnetbändern. In der Leipziger Uraufführung gab es diese Retrostimmung auch zum Teil, mit Songeinlagen von Blondie’s “Heart of Glass” oder Queen’s “I want to break free.” Ist “Drei sind wir” ein Retro-Stück? Oder gab es da eine andere Überlegung dahinter?

Valerie Voigt-Firon: Ich denke, der “Retro-Charme” ist eher zufällig passiert. Es ging mir eher um ein Aus-der-Zeit-Fallen, weniger darum, dass ich sage, ich möchte in die 70er oder 80er oder 90er Jahre zurück. In dem Stück wird beschrieben, wie alles vergilbt ist, und in so einem kleinen Raum wie dem Burgtheater-Vestibül will man jetzt nicht unbedingt mit Natriumdampf arbeiten, um allem die Farbe zu entziehen. Da muss man eben eine andere Fantasie entwickeln. Für mich war das akustische Spiel mit den Kassettenbändern zentral, das Knistern, das Loopen. “Drei sind wir” ist ja sehr musikalisch mit diesen ständigen Wiederholungen, auch inhaltlich: Die Eltern kämpfen gegen einen Zeitverlauf an, dem sie nicht entkommen, und das wissen sie auch. Pacman ist spontan während der Probenarbeiten dazugekommen: Es gibt ja die Textzeile “Er frisst sie alle auf” und wir hatten bereits diese Öffnungen in den Wänden, und dann hat das gut gepasst.

nachtkritik.de: Sie haben schon das Burgtheater-Vestibül erwähnt, ein sehr kleiner Theaterraum, der durch die massiven Mauern auch beinahe klaustrophobisch wirkt. Wie sind Sie damit umgegangen?

Valerie Voigt-Firon: Klaustrophobisch ja, aber diese Enge bietet auch die Gelegenheit, dass man als Zuschauer sehr nah dran ist. Man kann als Regisseur sehr fein arbeiten. Das ist eine Fingerbewegung, das ist ein Zwinkern, ein Niederschlagen von Lidern, den Kopf senken. Man muss sehr auf Details achten, weil die Distanz fehlt: wie ein Close-up, finde ich.

nachtkritik.de: Sie schreiben ja auch selbst Theatertexte. Als jemand, die nicht die Uraufführung inszeniert: Wird man dadurch bereitwilliger, Änderungen am Text eines anderen vorzunehmen? Oder hat man größeren Respekt vor der Integrität des Texts?

Valerie Voigt-Firon: Bevor der Text überhaupt zu mir kam, hatte ihn Wolfram Höll selbst nochmal verändert. Wenn ich mich recht erinnere, kamen im Text zunächst Dias vor, und das wurde dann nach der Uraufführung durch Kassetten ausgetauscht. Das hatte aber mit mir persönlich nichts zu tun. Ich hatte mit Höll auch nicht wirklich Kontakt, weil ich an dem Stück nichts ändern wollte, außer eben den Teil, den er ohnehin schon geändert hatte, zu übernehmen. Zwei, drei Sätze rausstreichen, wie bei anderen Strichfassungen auch üblich, klar, aber ich hatte nie das Bedürfnis, den Text anders zu füllen. Den Autor anschreiben, “Bitte schreib mir noch etwas!”, das war so nicht notwendig. Grundsätzlich habe ich großen Respekt vor Autoren und ihren Texten, es ist ja auch eine wahnsinnige Arbeit, die zu schreiben.

Das Interview führte Leo Lippert