Absurdität als Chance

April 2019. In einem klinisch weißen Raum irgendwo zwischen Sanatorium und Scientology-Zentrale treffen sich drei Vertreter des Kulturprekariats, um einen ominösen Auftrag zu erfüllen. Eine Art Ausschreibung, eine Mission, der sich die drei fügen und hoffen, durch ihre Anstrengung tauglich zu sein für höhere Aufgaben. Über den Assoziationsreichtum von Miroslava Svolikovas Stück "Diese Mauer fasst sich selbst zusammen und der Stern hat gesprochen, der Stern hat auch was gesagt" sprach Shirin Sojitrawalla mit der Regisseurin Eva Lange, die Svolikovas Stück in Marburg inszeniert hat.

nachtkritik.de: Der Text von Miroslava Svolikova ist sehr anspielungs- und assoziationsreich. War das für Sie eher Chance oder Herausforderung?

Eva Lange: Sowohl als auch. Für mich ist es immer eine große Chance, weil ich Texte liebe, die mir immer weiter etwas zumuten. Ich mag es sehr gerne als Regisseurin, wenn ich nicht das Gefühl habe, ich habe beim ersten, zweiten, fünften Lesen schon alles begriffen, und Svolikova ist eben so komplex, dass ich immer noch etwas Neues entdecke. Insofern ist es eine große Chance, und gleichzeitig ist es natürlich auch eine Herausforderung, weil ich mir nicht anmaße, alle Schichten des Stücks aufzublättern.

nachtkritik.de: Um was geht es im Kern des Stücks?

Eva Lange: Es geht für mich um die Frage, wie weit bin ich bereit zu gehen in einer Welt der Aussiebung. Also, in welche absurden, surrealen, krassen Situationen begebe ich mich, um vielleicht so etwas wie eine Ausschreibung zu gewinnen. Das kann man übertragen auf das Künstlerleben, auf das Svolikova sicherlich anspielt, aber eben auch auf die Leistungsgesellschaft überhaupt. Ich finde, es geht um die extreme Frage, welche Verkrümmung sind wir bereit einzugehen und wo rufen wir auch mal Stop.

nachtkritik.de: Wo und wann das spielt, lässt Miroslava Svolikova relativ offen, auch wenn es diese Museums-Anmutung gibt. Auch in Ihrer Inszenierung kann man sich nicht sicher sein, wo man sich befindet.

Eva Lange: Ja, es ist sogar ganz wichtig, dass man sich nicht ganz sicher ist und sich auch die Inszenierung nicht entscheidet, wo sie spielt. Natürlich spiele ich auch auf ein Museum an, das Bühnenbild von Carolin Mittler zitiert einen White Cube, als Projektionsfläche. Aber vielleicht befinden wir uns auch gar nicht in einem Museum, sondern in einem psychologischen Experiment.

nachtkritik.de: Miroslava Svolikova war zur Premiere in Marburg. Und?

Eva Lange: Sie zeigte sich sehr angetan und hat sich gefreut, dass wir so viel ihres Textes verwendet haben. Sie war auch schon einen Tag vorher zur Generalprobe da, als der Schluss noch anders war. Da hat sie klar Stellung bezogen, was ich toll fand, weil sich ihre Wahrnehmung mit einer Beobachtung von uns deckte. Ich habe dann über Nacht noch was geändert.

eva lange c Neven Allgeier 250Eva Lange @ Neven Allgeier 

nachtkritik.de: Sie hat klar Stellung bezogen? Sie war mit etwas nicht einverstanden, und Sie haben nachjustiert?

Eva Lange: Sie hat uns eine Beobachtung geschenkt. Es ging um eine rhythmische Sache am Schluss, die noch ein bisschen lahm war, und sie hat über das innere Tempo ihres Stückes gesprochen und gesagt, das Tempo müsste dort viel höher sein, was auch mein Eindruck war, weswegen ich im letzten Teil der Inszenierung mehrere Szenen parallel spielen lasse, die vorher hintereinander gespielt worden sind.

nachtkritik.de: Die Uraufführung am Schauspielhaus Wien (unter der Regie von Franz-Xaver Mayr) war wesentlich kürzer, dort stand eher die Castingsituation im Zentrum. Wieso haben Sie sich für eine längere und komplexere Version entschieden?

Eva Lange: Weil mich dieses Gesamtgefüge total interessiert und weil ich glaube, dass die Zumutung dieses Textes nur so abbildbar ist. Die Dauer spiegelt das Inhaltliche des Textes. Nur das Casting wäre mir persönlich ein bisschen wenig gewesen, wobei ich die Uraufführungsinszenierung nicht gesehen habe.

nachtkritik.de: Wenn Sie die Uraufführung inszeniert hätten, meinen Sie, es wäre dann eine andere Inszenierung geworden?

Eva Lange: Nein, das glaube ich nicht. Höchstens insofern, dass sie ja dann früher gewesen wäre, und man natürlich immer in seiner Zeit und an dem Ort, an dem man gerade ist, inszeniert. Wenn es aber auch Marburg und auch 2019 gewesen wäre, hätte ich versucht, das gleiche oder ähnliches zu machen.

nachtkritik.de: Die Putzkraft im Stück sagt einmal, es sei ein politisches Stück. Finden Sie das auch?

Eva Lange: Ja, in meinen Augen ist es absolut ein politisches Stück, weil die Komplexität der dramatischen Struktur Slovikovas für mich sehr unser Hier und Jetzt abbildet.

nachtkritik.de: Und ist es auch ein Stück über Europa?

Eva Lange: Ich glaube, man hört Europa mit. Es ist ein Stück, das Europa mitthematisiert, aber ich würde es nicht so eng fassen; das ist ja eben das Tolle daran. Man kann es auch auf andere politisches Strukturen und Systeme übertragen. Da Svolikova aber immer so explizit spielt mit diesem Bild der Zwiebel / der Onion (Union), und auch vom Sternenrat spricht und man dann diese europäische Flagge mit den Sternen vor Augen hat, denke ich schon, dass sie zumindest auf Europa anspielt.

nachtkritik.de: Es ist ein absurdes Theaterstück, lässt einem das beim Inszenieren mehr Spielraum?

Eva Lange: Ja, ich glaube, es gibt einem eine gewisse Freiheit, weil man immer wieder neu schauen kann, wie möchte ich jetzt auf dieses Stück Kunst zugehen. Man kann es ein bisschen mit einer modernen Kunstausstellung vergleichen, wo jeder Raum anders ist, wo ich hier ich auf Performancekunst treffe, dort auf bildende Kunst. Das gibt einem eine große Freiheit.

nachtkritik.de: Was bedeutet Ihnen die Nominierung für den NachSpielPreis?

Eva Lange: Ich empfinde es als Anerkennung für ein eher kleineres Theater mit einem progressiven Spielplan. Es freut mich einfach, dass hingeguckt wird und wir uns dann auch zeigen können. Die Aufmerksamkeit für neue Texte und die Aufmerksamkeit für dieses kleinere Haus sowie unser Ensemble bedeuten mir sehr viel.