Puppenpussies

von Wolfgang Behrens

Heidelberg, 27. April 2015. Diese "Stücke" sind natürlich eine Frechheit. Elfriede Jelinek bringt wahlweise 30, 57 oder 100 Seiten rollenlose, frei assoziativ vor sich hin mäandernde Prosa zu Papier und wirft sie dann dem Theater mit einer ihrer berüchtigten Anweisungen vor die Füße: "Machen Sie damit, was Sie wollen!" Man könnte auch sagen: Sie stiehlt sich aus der szenischen Verantwortung. Doch gerade diese Text-Zumutungen haben immer wieder die avanciertesten Regisseur*innen dazu inspiriert, mit mächtiger Pranke auf sie zuzugreifen und ihnen eigens entwickelte Theaterformen überzustülpen. Und oft genug waren Jelinek-Aufführungen dann regelrechte Happenings, man denke nur an Inszenierungen wie die von Einar Schleef, Nicolas Stemann oder Karin Beier.

Leerer Kleiderrausch

Jan Philipp Gloger ist am Badischen Staatstheater Karlsruhe einen anderen Weg gegangen. Anstatt das nächste Happening anzurichten, erzählt er bei seiner deutschen Erstaufführung von "Schatten (Eurydike sagt)" eine überraschend konkrete Geschichte, und zwar – um einen anderen Jelinek-Titel zu paraphrasieren – "Was geschah, nachdem Eurydike ihren Mann verlassen hatte". Ja, auch hier geht Eurydike ihrem Orpheus erst einmal verloren, weil sie an einem Schlangenbiss stirbt. Aber Eurydike nimmt diesen Abschied an, sie wählt ihn letztlich freiwillig, um einem reduzierten Dasein als Objekt und Muse zu entfliehen. Gloger hat den Text nach durchgehenden Motiven durchforstet und, neu gegliedert, auf fünf Darstellerinnen verteilt: Am Anfang steht bei ihm eine Frau, die sich längst selbst verloren hat und sich in einen leeren Kleiderrausch flüchtet – die köstlich exaltierte Lisa Schlegel wird dabei von ihren Eurydike-Genossinnen so lange mit Edelfummeln behängt, bis sie unter Schlauchschal, Hut und Sonnenbrille nur noch als grotesker sprechender Kleiderhaufen übrigbleibt.

Schatten3 700 Falk von Traubenberg uFünf für Jelinek: Annette Büschelberger, Veronika Bachfischer, Florentine Krafft, Ute Baggeröhr und Lisa Schlegel © Falk von Traubenberg

Eurydike zieht die Konsequenz aus ihrem nur noch oberflächlich stattfindenden Leben und verlässt zuerst ihren Mann und dann ihren Körper: Ute Baggeröhr spielt auf introvertierte Weise den heimlich-leisen Auszug aus dem gemeinsamen Schlafzimmer. Der Gang ins Nichts, den Eurydike nun ganz bewusst antritt, bleibt nicht ohne Hindernisse: Der Bewunderung und hingebungsvolle Liebe einfordernde Mann und Sänger lässt sich nicht so leicht abhängen und dringt auch ins Schattenreich vor. Orpheus' rücksichtslosen Narzissmus karikiert Florentine Krafft in einer herrlichen Steven Tyler/"Aerosmith"-Parodie. Zuletzt sinken die fünf Darstellerinnen, nachdem sie noch – ein letztes Aufbäumen der Körper – an ihren auf einen Zwischenvorhang projizierten Schattenbildern herumgezerrt haben, ins Wesenlose zurück: Sie wälzen sich solange in schwarzem Schlamm, bis sie, vom nun leeren Bühnenraum ununterscheidbar, im Dunkel gänzlich verschwinden.

Besser noch als Hassknecht

Es ist nicht selten verblüffend, wie selbstverständlich sich Jelineks Text in die von Gloger herausdestillierten Situationen einfügt. Mitunter hat er dem Text auch eine dialogische Struktur abgelauscht, im schnellen Pingpong wirft sich das Schauspielerinnen-Quintett dann die Sätze zu, als ginge es um eine ganz normale Konversation und nicht um Jelinek'sche Assoziationskaskaden. Zugegeben, in einigen arg ausgewalzten Monologpartien hat der Abend auch seine zähen Momente – einmal aber startet er sogar zum Happening durch.

Wenn nämlich die nicht anders als großartig zu nennende Annette Büschelberger als Alter Ego Elfriede Jelineks zum großen Rant ausholt, zur Tirade gegen kreischende Groupies auf Rockkonzerten, gegen diese "brüllenden kleinen Pisserinnen", diese "Puppenpussies", diesen "Mausiputzihaufen". Büschelberger ist besser noch als Hassknecht, weil sie mehr Register des Angewidertseins kennt, von der lippenspitzenden Distinguiertheit bis zum zynischsten Selbsthass. Mag Glogers "Schatten"-Inszenierung auch durchweg eine sehr genaue und kluge Arbeit sein – erst mit Büschelberger wird sie zum Ereignis.

 

Schatten (Eurydike sagt)
von Elfriede Jelinek
Gastspiel vom Badischen Staatstheater Karlsruhe
Regie: Jan Philipp Gloger, Bühne und Kostüme: Marie Roth, Musik: Kostia Rapoport, Video: Christoph Otto, Licht: Christoph Pöschko, Dramaturgie: Brigitte A. Ostermann, Jens Peters.
Mit: Veronika Bachfischer, Ute Baggeröhr, Annette Büschelberger, Florentine Krafft, Lisa Schlegel.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.staatstheater.karlsruhe.de