Schatten (Eurydike sagt) – Ein Gespräch mit Regisseur Jan Philipp Gloger über seine deutsche Erstaufführung in Karlsruhe

"Man muss über jeden Satz sprechen"

nachtkritik.de: Elfriede Jelineks "Schatten" ist ursprünglich als Monolog entstanden. Die Textfläche enthält keine Szenenanweisungen und Rollenaufteilungen. Wie gehen Sie an so einen Text heran?

Jan Philipp Gloger: Ich finde es spannend, wenn einem keine Vorgaben gemacht werden. Wir haben relativ früh die Idee gehabt, die Eurydike aufzuspalten und nach Themenblöcken gesucht. Denn dieser Text ist sogar für Jelinek-Verhältnisse besonders unstrukturiert, ein mäandernder Sprachfluss. Der Ansatz war also, den Text auf fünf verschiedene Eurydikes und Frauen aufzuteilen, die alle ihre unterschiedlichen Themen haben – bei einer ist das die Depression, bei der anderen der Hass auf die Jugend oder der Ausbruch-Versuch aus einem bestimmten Bild von passiver Weiblichkeit.

nachtkritik.de: Macht ein Label wie Uraufführung oder Nachinszenierung bei einer Textfläche wie der von Jelinek überhaupt einen Unterschied, wo sich jedes Regieteam einen eigenen Weg bahnen muss?

Jan Philipp Gloger: Wenig, weil die Autorin einem ja ausdrücklich einräumt: Nehmt, was ihr brauchen könnt! Das macht einen noch mal anders zum Erfinder eines Abends. Das heißt nicht, dass ich mich neben die Autorin stellen will, die ich wie kaum eine andere verehre, gar nicht – je tiefer ich in diese Materialfülle eintauche, desto begeisterter bin ich. Natürlich ist man noch ein bisschen entspannter, wenn man weiß, dass die Art und Weise, wie es schon gemacht worden ist, ganz anders ist. Bei der Winterreise war es heftiger – ich hatte die Inszenierung von Johann Simons in München gesehen, dann kam das noch von vielen anderen Regisseuren raus. Das war eine ganz andere Fülle von Lesarten, die da auf einen zukamen.

Gloger 250 x uJan Philipp Gloger © Heinrich Völkelnachtkritik.de: Ihre Inszenierung ist die deutsche Erstaufführung. Haben Sie die Uraufführung von Matthias Hartmann am Wiener Burgtheater gesehen?

Jan Philipp Gloger: Nein.

nachtkritik.de: Sie haben also eine Textfläche und eine Bühne leer wie eine Leinwand. Und nun?

Jan Philipp Gloger: Der eine Ansatz ist zu fragen: Welche Themen stecken da drin? In diesem Fall sind das zum Beispiel Depressionen, Umgang mit Trauer, der Orpheus-Mythos und seine Rezeptionsgeschichte, der Blick der Gesellschaft auf den weiblichen Körper, Modesucht etc. Der andere Ansatz ist ein kompositorischer, architektonischer: Welche Strukturen sind interessant, wie könnte man damit spielen, was könnten Ideen und räumliche Konstellationen sein, die Spaß machen? Bei diesem Text bin ich nach einem Sammlungsprinzip vorgegangen: Es wäre doch spannend, wenn wir einmal eine gemeinsame Situation haben, dann gibt's was Hyperrealistisches, man guckt, was könnten für Bilder interessant sein, welche Passagen eignen sich, um damit musikalisch rhythmisierend zu spielen. Daraus entsteht dann eine grobe Struktur, mit der wir auf den Proben umgehen, indem wir sammeln, Verbindungen schaffen, verdichten.

nachtkritik.de: Was muss mit Jelineks komplexer Sprache passieren, damit sie am Ende klingt wie ein Gespräch oder ein Selbstgespräch?

Jan Philipp Gloger: Man muss einfach über jeden Satz sprechen und genau wissen, warum, wie und mit welchem Ziel die Figur das sagt. Ich habe letztlich an einen Jelinek-Text keine anderen Anforderungen, als wenn ich Kleist mache oder Philipp Löhle. Die Texte müssen konkret werden, man muss vielleicht auch mal mit einem Füllwort arbeiten, aber möglichst sparsam oder es später dann wieder weglassen, weil man den Texten sonst die Kraft wegnimmt. Gerade deswegen erfinde ich die Situationen. Die sind ja nicht nur Setzungen, sondern am Text entlang erfundene Konkretisierungsmaßnahmen. Also zum Beispiel eine Frau zu zeigen, die gerade ihren Kleiderschrank zum letzten Mal ausräumt, weil sie das Ehebett und das eheliche Schlafzimmer gerade verlässt, in dem sich eine sehr belastende Beziehung abgespielt hat. Und ihr Mann übt hinter der Wand dieses hyperrealistischen Raums und schreibt gerade den Abschiedssong für sie, das hört man. Eine Situation, in der sich dann hoffentlich auch die Zuschauer wiederfinden können. Man kann so eine wiedererkennbare Situation gut in eine Reibung mit diesem komplexen Vortrag über Depression bringen, der sich an dieser Stelle im Text findet.

nachtkritik.de: Was war dabei der rote Faden?

Jan Philipp Gloger: Die Chronologie der Orpheus-Geschichte. Jelineks Text folgt ihr schon, wenn man genau hinguckt, aber nicht ganz so deutlich und er springt dann auch immer hin und her. Wir haben uns erlaubt, das zu vereinfachen. Wir gliedern den Abend mit Überschriften aus Ovids Metamorphosen, weil mir auch wichtig war, das abzurufen, wovon sich Jelinek abgrenzt – von 2000 Jahren Mythos-Rezeptionsgeschichte aus männlicher Perspektive. Der Ovid-Text endet mit dem Satz: "Konnte sie wohl, so geliebt zu sein, sich beklagen?" Jelinek setzt die weibliche Sicht auf diese Geschichte dagegen.

nachtkritik.de: Die Frage, ob Eurydike sich beklagen kann, beantworten Sie ja mit Jelinek sehr eindeutig.

Jan Philipp Gloger: Ja, sie muss sich sogar darüber beklagen, und zwar endlich mal!

Das Gespräch führte Georg Kasch.

 

 

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