Essay: Direktheit ist das Wort der Stunde bei den Jugendstücken des Heidelberger Stückemarkts 2015

Frische Sicht von schräg unten

von Christian Rakow

April 2015. Als Kulturjournalist ist man viel zu schnell dabei, Trends auszurufen, wo man es womöglich nur mit Momentaufnahmen zu tun hat, mit Launen einer Kuratorenauswahl, mit dem Geschick einer vorübergehenden Programmierung. Sprechen wir also nicht von einem Trend, sondern vielleicht besser von Sinnfälligkeit, mit der sich das diesjährige Tableau der Jugendstücke des Heidelberger Stückemarkts ins Bild der Saison einfügt.

Der Ruf nach Direktheit

"Direktheit“ ist eines der Wörter dieser Spielzeit (übrigens nicht nur im Kinder- und Jugendtheater). Mit dieser Forderung war Katrin Hentschel als neue Oberspielleiterin an Deutschlands einzigem Staatstheater für junge Menschen, dem Berliner Theater an der Parkaue, angetreten. Es gehe ihr darum, "Geschichten zusammenzuführen, nicht auseinanderzuhauen", sagte Hentschel bei Amtsübernahme der Berliner Zeitung (6.5.2014). Sie sagte dies auch mit Blick auf die Werkentwicklung von Showcase Beat Le Mot. Die Gruppe hatte mit ihrem "Räuber Hotzenplotz“ an der Parkaue einen performativen Schub im Theater für die Jüngeren eingeleitet und dabei den Beweis angetreten, dass sich sinnfreie Spielmomente und bündiges Geschichtenerzählen keineswegs ausschließen, dass vielmehr Artistik, Zauber- und Zirkushaftes ebenso zur ästhetischen Erfahrung gehören wie die schlüssige Gute-Nacht-Geschichte.

Nach dem großen Wurf hatte Showcase im Theater für verschiedene Altersgruppen weiterexperimentiert und dabei das Storytelling zunehmend (wieder) verabschiedet. Ihr letzter Abend fürs Jugendtheater, Animal Farm nach George Orwell, mit dem sie 2014 bei den "Jugendstücken“ in Heidelberg gastierten, war ein vielfach gewundener, anspruchsvoller, aber auch insiderischer Kommentar auf die Orwell'sche Schweineparabel. Wer Direktheit und klares Geschichtenerzählen sucht, den musste es hier grausen.

Es wäre sicher verfrüht, den performativen Turn des Kinder- und Jugendtheaters der Nuller Jahre für beendet zu erklären (die diesjährige Auswahl des großen Szene-Treffens "Augenblick mal“ steht allemal dagegen). Aber der Ruf nach einer Abkehr vom regietheatralen Metatheater wird vernehmlicher. Die aktuellen Konflikte an der zweiten großen Leuchtturmbühne, dem Berliner Grips Theater, zwischen Stefan Fischer-Fels (Vertreter der experimentellen Regieansprüche) und Volker Ludwig (Verfechter der unmittelbareren, volkstheaterhaften Autorendramatik) fügen sich ins Bild. Auch hier weht der Wind in Richtung „Direktheit“, Narrativität, Einfachheit, Verständlichkeit.

"100 m" und die Ungleichzeitigkeit des Verlangens

Vor diesem Hintergrund bietet das diesjährige Heidelberger Jugendstücke-Programm ein überaus adäquates Bild. Die drei eingeladenen Arbeiten lassen an „Direktheit“ und narrativer Transparenz nicht zu wünschen übrig. Gewagtere Sprachexperimente und formale Finessen sucht man hier vergebens.

100m2 250 Karolin Back u"100m" © Karolin BackMit "100 m“ hat Ralf N. Höhfeld eine sympathische, aber konventionelle Liebesgeschichte für Heranwachsende verfasst. Ein Junge und ein Mädchen treffen sich zum titelgebenden Kurzstreckenlauf. "100m. Und dann fängt es richtig an mit uns“, sagt das Mädchen. Ein Start in medias res. Was steht in diesem Wettkampf auf dem Spiel?

Der Text stellt sein Rätsel behutsam in den Raum, um in einer langen Rückblende mit lockeren Erzählsprüngen die Geschichte der beiden aufzurollen, vom Kennenlernen bis nah ran an ihre Trennung. Sie: immer beim Training, in Gedanken schon auf dem Weg zur Weltrekordsprinterin. Er: erst lässig baggernd, dann damit hadernd, dass sie nie recht Zeit für ihn hat (und nicht für Sex), dann auf dem Absprung: "Muss an meine Zukunft denken“, kontert er ihren Leistungssportwahn; er wolle jetzt "auf eine Privatschule in den USA“. Der 100-Meter-Lauf wird zur Abschiedswette: "Wenn du gewinnst, dann bleibe ich bei dir“, sagt Er zu Ihr. "Wenn ich gewinne, dann lässt du mich in Ruhe.“

Christian Müller hat den Text am Jungen Ensemble Stuttgart entspannt und musikalisch bestens rhythmisiert zur Uraufführung gebracht. Abwechselnd, teils am Mikrophon wie beim Rap-Contest battelnd, erzählen Franziska Schmitz und Nils Beckmann von der Ungleichzeitigkeit des Verlangens ihres jungen Paares. Denkwürdige Bonmots hat der Text auch parat: "Der Kapuzenpullover an sich wurde nicht dafür erschaffen, dass man Komplimente über ihn macht.“ Oder auch: "Wir befinden uns doch noch in unserer Beschleunigungsphase. Wir haben unser maximales Glück doch noch gar nicht erreicht.“ Eine schöne Metapher für die Tempokurven der ersten Liebe.

"Weltenbrand“ und die Lehrsätze vom Giftgas

"Edelweißpiraten“ und "Weltenbrand“, die beiden anderen "Jugendstücke“-Einladungen, holen ihr junges Publikum nicht im Teenager-Gefühlskarussell ab, sondern in der Geschichtsstunde, bei den Schrecken des ersten und zweiten Weltkriegs. Während das vergleichsweise vertraute Szenario von "100 m“ manche hingehauchte erzählerische Andeutung zulässt, erfordert der historische Abstand in den beiden Geschichtsaufarbeitungen ein Mehr an Fakten, an Aussagen, an Erkläraufwand.

"Immer geht es um Krieg.“ Ein Satz, wie vom gelangweilten Mittelstufenschüler hingerotzt, schiebt den Prolog von "Weltenbrand. Ein Stück über Giftgas, den ersten Weltkrieg und danach“ an. An Weltkriegsschau herrscht an deutschen Schulen wahrlich kein Mangel. Dabei scheint die Realität des Bombenhagels heute so fern wie nie: "Wo ist er hin“, der Krieg?, tönt der Prolog weiter. Das Dokumentarstück, das Tobias Ginsburg und Daphne Ebner für die Schauburg München verfasst haben, wird der Spur des verschwundenen Krieges nachgehen, von den Schützengräben anno 1915 bis in die Gegenwart, im Modus der Historikerdebatte bzw. des Unterrichtsplenums (angereichert mit Materialien und Zitaten von Beckett und Brecht bis Ernst Toller).

Weltenbrand 250 c Digipott u"Weltenbrand" © DigipotFünf Sprecher, die jeweils fünf argumentative Typen oder Einstellungen repräsentieren, tragen den Diskurs vor: der Pazifist, der Realist, der Ästhet und der Romantiker heißen sie, und der Pragmatiker, der sagt: "Wissenschaft ist nie gut oder schlecht. Wissenschaft ist immer nur wahr.“ Tatsächlich widersprechen sie sich eher in Nuancen, wirkt ihr Spiel von Rede und Widerrede en gros doch wie von einer Stimme (der Autor*innen) getragen. Denn die Ereignisse, die sie mitteilen, sind ethisch ziemlich klar disqualifiziert: Es geht um die Erfindung des Giftgas-Kriegs durch den Chemiker und Nobelpreisträger des Jahres 1918 Fritz Haber. Und es geht um die Weiterverwertung der deutschen Giftgas-Technologien in Kriegen des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart. Da ist also er hin, der Krieg: nach Syrien, in den Irak, nach Libyen. "Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“, so lernt man es (mit dem berühmten Diktum Paul Celans).

Ginsburg/Ebner stehen in einer Traditionslinie des Dokumentartheaters, die von Peter Weiss' Bühnenstücken der 1960er Jahre bis in zeitgenössische Arbeiten etwa von Hans-Werner Kroesinger reicht. Es ist ein Dokumentartheater mit klaren Haltungen, klarer Kritik. Während sich andere Spielarten des Dokumentarismus wie die von Rimini Protokoll zu einer vergleichsweise neutral beobachtenden, ethnographisch-analytischen Untersuchungsform bekennen, kriegt man hier einen dezidiert "parteiischen“ Blick. Dem Unternehmen wäre dabei einzig vorzuwerfen, dass die Verve und die Entlarvungsgeste des Textes etwas wohlfeil daherkommen. Wer wollte schon ernsthaft Massenvernichtungswaffen und ihre Verbreitung rechtfertigen.

Die Aufklärungsarbeit samt Besinnung auf außereuropäische, aber engstens mit Europa verflochtene Konfliktfelder ist dennoch viel wert. Die strenge Anmutung des Textes dämpft Tobias Ginsburg als Regisseur etwas ab, wenn er eingangs seine Sprecher auf einem runden Plateau (das an einen Panzerturm erinnert) in Fantasykleidern mit Pelzbesatz auftreten lässt – ein minimaler Shift in Richtung Computerrollenspiel. Projektionen an der Außenwand seitlich der Zuschauertribünen werfen dann zeitgeschichtliches Bildmaterial hinein: Soldaten, Schützengräben, Stahlgewitter. Je weiter der Diskurs an heutige Konfliktzonen heranrückt, desto legerer werden die Auftritte, desto mehr klingen die argumentativen Verbiegungen zwischen Pragmatiker und Realist nach modernem Managerseminar. Und die Sprache des Profits desavouiert sich selbst. Erwartungsgemäß.

"Edelweißpiraten“ und der Charme der Anarcho-Banditen

Narrativer, emotionalisierender und alles andere als didaktisch verläuft die Geschichtsstunde in "Edelweißpiraten. Banden bilden gegen Hitler“ von Dirk Reinhardt (nach dem gleichnamigen Roman für das Comedia Theater Köln von Christopher Haninger eingerichtet). "Das ist Adrian, der spielt Tom. Tom wie Tom Sawyer“, stellt sich einer der fünf Piraten zu Beginn vor. Ein anderer heißt Flint, "wie der von der Schatzinsel“. Schon in den ersten Minuten platzieren sich die "Edelweißpiraten“ auf dem großen weiten Feld der Wald-und-Wiesen-Romantik, nahe bei vagabundierenden Knirpsen wie "Emil und die Detektive“ oder eben "Tom Sawyer“ oder – mal was für Ostkinder – "Timur und sein Trupp“.

Edelweisspiraten1 250 MEYER ORIGINALS u"Edelweißpiraten" © MEYER ORIGINALSDie "Edelweißpiraten“ sind Kölner Anarchos, Lungerer, Taugenichtse. Sie hauen sich mit der Hitlerjugend die Nasen wund, düpieren die SS und die Gestapo. Zumindest eine Zeitlang. Und anders als etwa die ungleich renommiertere, studentische "Weiße Rose“ schlittern sie eher mir nichts, dir nichts in den Widerstand. Was ihren Kampf keineswegs weniger wertvoll macht. "Edelweißpiraten“ sind Antifaschisten aus dem Bauch heraus. Hätten sie überlebt, wären sie wohl die großen Brüder der Beatniks und Halbstarken der 1950er geworden.

Christopher Haninger hat die packende Erzählung von Freundschaft und Loyalität in riskanten, ja tödlichen Konflikten mit fünf Schauspielern jenseits der Vierzig in dunklen Anzügen Marke Künstlervernissage umgesetzt. Auf E-Gitarre und Bass grooven sie sich bluesig ein, auf einer Popkonzertbühne, die mitunter von Nebel umweht ist. Im Wechsel aus kleinen Szenen und Erzählpartien treiben sie das Geschehen voran, mit großer Lust, immer mal wieder ein paar punkige Klangberge und Schrammelakkorde aufzutürmen.

Im Land der kruppstählernen Deutschfaschisten schießen die "Edelweißpiraten“ mit Anglizismen wild um sich: "big Enttäuschung“, "fucking hell“. Der Sound macht's! "Sie wirken frei“, sagt der Knabe Gerle einmal, kurz bevor er bei der Bande aufgenommen wird. Darin liegt der Charme dieser Bühnenerzählung: Das Zwangsregime des Dritten Reichs wird nicht, wie so oft, andächtig und ernst in Schautafeln nachbereitet, sondern aus der Freiheit des Underground-Protests heraus, gewissermaßen über Bande, angespielt, verzerrt und verlacht. Das ist eine frische Sicht von schräg unten. Und der Beweis, dass auch direktes Erzählen durch Indirektheit punkten kann.

 

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