Weltenbrand – Tobias Ginsburg und Daphne Ebner verfolgen den beunruhigenden Weg des Giftgases vom Ersten Weltkrieg bis heute

Konfetti für den Tod

von Wolfgang Behrens

Heidelberg, 28. April 2015. Das vergangene Jahr bescherte dem Theater wenn nicht einen Boom, so doch wenigstens eine stattliche Anzahl von Auseinandersetzungen mit dem Ersten Weltkrieg. Zum 100. Jahrestag seines Ausbruchs kamen verstärkt Stücke wie Karl Kraus' "Die letzten Tage der Menschheit" auf die Bühne oder Bearbeitungen der einschlägigen Romane, etwa von Erich Maria Remarques "Im Westen nichts Neues". Am Jugendtheater dürfte dieser Anlass indes weitgehend unbeachtet vorübergegangen sein: Weshalb auch hätte man auf den Weltkrieg schauen sollen, hat er doch – zumal kaum noch Zeitzeugen leben – mit der Lebensrealität heutiger Jugendlicher so gar nichts zu tun. Oder etwa doch?

Hochaktuelle Fragen

An der Schauburg in München jedenfalls hat man sich nicht abschrecken lassen und mit "Weltenbrand" von Tobias Ginsburg und Daphne Ebner (zugleich Regisseur und Dramaturgin der Produktion) ein "Stück über Giftgas, den Ersten Weltkrieg und danach" angesetzt. "...und danach" – ein wichtiger Zusatz! Denn tatsächlich ist es die große Leistung der Aufführung, die anfängliche Geschichtslektion nach und nach ans Heute heranzuführen, bis plötzlich ein Diskurs über hochaktuelle Fragen aus den historischen Linien erwächst.

Weltenbrand 560 c DigipottDiskussionen über Geschichte und Verantwortung auf dem Bunker: Lucca Züchner, Peter Wolter,
Thorsten Krohn, Regina Speiseder, Dan Glazer © Digipott

Die fünf Schauspieler*innen, die mitten im Publikum auf einem Stahlbunker und um ihn herum agieren, beginnen mit tastenden Fragen nach dem Selbstmord der Chemikerin Clara Immerwahr, deren Mann Fritz Haber für die ersten Giftgas-Einsätze im Krieg verantwortlich zeichnete. In unaufdringlicher, epischer Spielweise erzählen sie dann die Geschichte des Giftgases, erläutern die Wirkungsweise verschiedener Gase, die hier ganz harmlos als farbiges Konfetti daherkommen. Überhaupt unterspielt das Ensemble den Horror grundsätzlich auf kluge Weise – so erspart es den Zuschauern dankenswerterweise chargierte Erstickungsanfälle – und setzt auf die Wirkung der Worte und Haltungen. Denn auch die Verteidiger der Giftgas-Einsätze dürfen sich artikulieren. "Ich möchte einen Stoff oder eine Maschine schaffen können von so fürchterlicher, massenhaft verheerender Wirkung, dass dadurch Kriege überhaupt unmöglich würden", wird Alfred Nobel zitiert – das klassische (und schon immer nah am Vabanque-Spiel operierende) Argument vom Gleichgewicht des Schreckens.

Das Dilemma der Gegenwart

Schnell glaubt man, das Strickmuster der Aufführung erkannt zu haben: Es wird ein weit zurückliegendes Geschehen referiert, und über den Selbstmord der Clara Immerwahr stellt sich ein identifikatorischer Bezug her. Ja, das ist didaktisch nett gemacht, denkt man, aber nicht mehr. Doch unversehens landen wir in der Zeit nach dem Weltkrieg, hören, wie von Deutschland aus trotz Verbotes immer weiter Giftgas exportiert wurde, und umstandslos landen wir bei der Frage, ob die Geschichte des Gases denn überhaupt beendet sei. "Ja, ja, ja, ja", antworten vier der Darsteller*innen, der fünfte aber, Dan Glazer in der Rolle des Pazifisten, verneint und verweist auf die noch kürzlich getätigten Gaslieferungen deutscher Firmen etwa nach Syrien.

Mit großer innerer Beteiligung vernimmt man plötzlich den letzten Dialog, der sich hochemotional zwischen Glazer und dem "Realisten" Thorsten Krohn entspannt. "Die Welt hat immer ihre Opfer gefordert, und wir sind an einem Punkt der Geschichte herausgekommen, wo die Opfer nicht mehr die unseren sind. Wir sind in Sicherheit", verkündet Krohn selbstgewiss und versucht, den außer sich geratenden Idealisten Glazer zu beschwichtigen. Derart zynisch formuliert, wird diesem Gedanken kaum jemand zustimmen wollen. Doch unsere Gesellschaft lebt ihn alltäglich – und mit diesem Dilemma sind wir ganz in der Gegenwart angekommen. Der Krieg und das Gas: Beide sind sie noch da.

 

Weltenbrand
ein Stück über Giftgas, den Ersten Weltkrieg und danach
von Tobias Ginsburg und Daphne Ebner
Gastspiel Schauburg München
Regie: Tobias Ginsburg, Bühnenraum: Jonas von Ostrowski, Dennis Zyche, Kostüme: Pascale Martin, Musik/Sounddesign: Taison Heiß, Lichtdesign: Tobias Zohner, Dramaturgie: Daphne Ebner.
Mit: Regina Speiseder, Lucca Züchner, Dan Glazer, Thorsten Krohn, Peter Wolter.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.schauburg.net

 

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