Schippern auf dem Hindukusch

von Wolfgang Behrens

Heidelberg, 25. April 2015. Zur Eröffnung des Stückemarkts hatte der künstlerische Leiter Jürgen Popig davon gesprochen, dass sich in den Inszenierungen des Festivals eine Hinwendung der neuen Dramatik zu den großen politischen Themen abzeichne. Nach den ersten beiden Aufführungen – "These little town blues …" und "Das Tierreich" – konnten einen da leise Zweifel beschleichen. Mit "Die lächerliche Finsternis" aber, dem Gastspiel des Wiener Burgtheaters am zweiten Abend, ist nun die Ankunft des Politischen zu vermelden. Und wie! Somalische Piraterie, postkoloniale Ausbeutung, Bundeswehreinsatz in Afghanistan – die Themenpalette, die Wolfram Lotz in seinem ursprünglich als Hörspiel geschriebenem Text anrührt, ist bunt bis krude.

Geschredderte Klischees

Lotz ist es indes nicht darum zu tun, die angerissenen Konflikte minutiös abzupinseln –im Gegenteil. Er hebt zu einer grundlegenden Reflexion über politisches Theater überhaupt an, das sich meist zwischen durchaus problematischen Polen aufspannt: dem Dokumentarischen auf der einen Seite, das genuine Möglichkeiten des Theaters – das Spiel nämlich – einschneidend begrenzt; und einem Betroffenheitstheater auf der anderen Seite, das zwar gut gemeint sein mag, oft genug jedoch einem sentimentalen Einfühlungsvoyeurismus verfällt. "Das Gefühl ist ja immer wieder da, dass ich über die Dinge nicht schreiben kann, weil ich sie nicht kenne", heißt es in einer selbstreflexiven Einlassung in Lotz' Text einmal. Diesen fremden Blick überwindet Lotz virtuos, indem er ihn zum Thema macht, indem er ihn massiv ironisiert und ins Fantastische ausfransen lässt.

finsternis 700 c ReinhardWerner uLive-Hörspiel der Burg-Frauen: Catrin Striebeck, Stefanie Reinsperger, Frida-Lovisa Hamann und Dorothee Hartinger © Reinhard Werner

Und so geistern denn jede Menge Klischees und stereotype Zuschreibungen durch das Stück, das sich als parodistische Überschreibung von Joseph Conrads Roman "Herz der Finsternis" präsentiert: Klischees über Eingeborene und Kolonialisten, über Missionare und Soldaten, Meta-Klischees über die Art und Weise, wie man sich Bilder vom Anderen konstruiert etc. Alle diese Zuschreibungen und Klischees geraten bei Lotz jedoch gehörig durcheinander, werden schräg und leicht ver-rückt projiziert, sie werden gewissermaßen geschreddert, so wie mitten in der Aufführung die langen Holzlatten, die bis dahin den einfachen Bühnenraum bildeten, lautstark geschreddert werden.

Das unmögliche Theater

Dušan David Pařízek, in dem Lotz' Text den kongenialen Uraufführungsregisseur gefunden hat, dreht die Schrauben noch um einiges weiter an. Er lässt das Männerstück ("Wie behämmert ist das, dass ich da wieder so eine Geschichte bastel, und alle Handelnden, alle Sprechenden sind Männer") von vier Frauen spielen. Der "schwarze Neger aus Somalia", der sein Stipendium des Islamistischen Studienwerks bei einem Piraterie-Studium in Mogadischu verbrät, kommt bei der fabelhaften Stefanie Reinsperger mit breitem Wienerisch daher (Meidlinger L inklusive). Catrin Striebeck als Hauptfeldwebel Pellner, der auf dem Fluss (!) Hindukusch ("Die Leute sehen was im Fernsehen und glauben es einfach und meinen dann zu wissen, dass der Hindukusch ein Gebirge ist") durch den afghanischen Regenwald (!) schippert, darf sich einen Schnurrbart ankleben, am Sack kratzen und den harten Hund geben. Und weil das Ganze mal ein Hörspiel war, betätigen sich die Damen auch gleich als Geräuschemacherinnen im Hintergrund, damit sich auch ein wenig Dschungel-Atmo einstellt.

Lotz und Pařízek versuchen so erst gar nicht, eine politische Wirklichkeit darzustellen – sie überschreiben sie vielmehr spielerisch. Und lösen so eine von Wolfram Lotz' Forderungen an das "unmögliche Theater" ein, die am Schluss der Aufführung auch zitiert wird: "Dabei darf nicht die Wirklichkeit die Fiktion bestimmen, sondern die Fiktion muss die Wirklichkeit verändern!" Na dann: Auf geht's!

 

Die lächerliche Finsternis
von Wolfram Lotz
Gastspiel Burgtheater Wien
Regie und Bühne: Dušan David Pařízek, Kostüme: Kamila Polívková, Licht: Felix Dreyer, Dramaturgie: Klaus Missbach.
Mit: Frida-Lovisa Hamann, Dorothee Hartinger, Stefanie Reinsperger, Catrin Striebeck.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, "eine Pause, wenn Sie möchten"

www.burgtheater.at