Se rompen las olas – Die mexikanische Theatermacherin Mariana Villegas erzählt vom abwesenden Vater

Generation Erdbeben

von Matthias Weigel

Heidelberg, 2. Mai 2015. Mariana Villegas ist sich sicher: Wenn es das große Erdbeben im September 1985 in Mexiko-Stadt nicht gegeben hätte, wäre sie nicht auf der Welt. Das dokumentarische Solostück "Se rompen las olas" – mit "Wellenbrecher" übersetzt – der 28-jährigen mexikanischen Theatermacherin dreht sich zwar um die Performerin selbst, ist aber gleichzeitig ein wunderbar uneitles Gesellschaftsporträt.

Dass Mariana heute 28 Jahre alt ist, ist kein Zufall – sie sei einige Monate nach dem Erdbeben gezeugt worden, erklärt die rundliche Mexikanerin mit einem Zwinkern im Auge und einem Lächeln auf den Lippen. Auf ihre gute Laune darf man sich aber nicht verlassen, der Abgrund zum nächsten Wutanfall, zur nächsten Gewaltorgie schwingt in jeder Silbe mit.

Schonungslos

Was macht die junge Frau so explosiv, so schonungslos gegen sich selbst und die Welt? Ihre Eltern stellt sie stolz, aber auch beamtenkorrekt vor. Wie sich Maria und Raúl an ihrer Arbeitsstelle bei der Agrarbehörde in Mexiko Stadt kennen lernten, wie sie schon bald ihre Tochter Mariana zeugten. Doch Marianas Vater ist bereits verheiratet und hat Kinder im Bundesstaat Sinaloa, wo die Familie vorerst geblieben ist – Mariana muss ohne ihren Vater aufwachsen.

Olas2 700 Francisco Barreiro u Ihre Show, ihre Familiengeschichte, ihr Hass und ihre Liebe: die mexikanische Theatermacherin Mariana Villegas 
© Francisco Barreiro

Das ruhige, pflegeleichte Kind hatte laut Eigenauskunft seinen ersten Wutanfall, als eine Cousine sie damit aufzieht, dass sie keinen Vater habe. Mariana Villegas Körper bebt, als sie das Familienalbum hervorzieht, ein Foto ihres Vaters herausreißt und der imaginären Cousine im Würgegriff ins Gesicht presse. "Jeden meiner Finger mussten die Erwachsenen einzeln von meiner Cousine lösen", stößt sie hervor, und man traut der eben noch umhertänzelnden Amazone alles zu.

Liebe zu den Toten

Anhand ihrer Kleinfamiliengeschichte macht Mariana herzzerreißend spürbar, wie eng in der mexikanischen Gesellschaft Spaß, Temperament, ausgelassenes Feiern und blinde Gewalt, Rache, Hass beieinander liegen. Und nicht nur das. Geschickt montiert Mariana ihre eigene Liebesgeschichte in die Erzählung ihrer Eltern, so dass sie am Ende in den genau gleichen Strudel von zerrütteten Beziehungen gerät: ihr Freund meint nur, er "kann das nicht", als sie ihm offenbart, schwanger zu sein, und verlässt sie. Die Verletzten geraten in die gleichen Muster, der Kreislauf des Schmerzes und des Todes geht immer weiter.

Dass Marianas Vater abgehauen ist, ist gar nicht das Schlimmste für sie. Bei einem späteren Treffen erfährt sie eine neue Version von ihrem Vater. Seine schwangere Frau und sein Sohn seinen bei dem Erdbeben 1985 ums Leben gekommen. Daraufhin zog er weg, lernte Marianas Mutter kennen – konnte aber von seiner verstorbenen Familie nicht loslassen. "Warum ist deine tote Familie für dich lebendig, und ich bin für dich tot?" Schreit Mariana. Und grinst. Und flirtet. Und tobt.

Se rompen las olas
Von und mit Mariana Villegas. Künstlerische Mitarbeit: Luisa Pardo, Gabino Rodríguez, César Ríos.
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

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