Voiceck – Die Gruppe Laokoon entwirft aus Motiven von Büchners Stück eine morbide mexikanische Alptraumvision

Schall und Wahn und noch mehr Schall

von André Mumot

Heidelberg, 1. Mai 2015. Aha, jetzt ist es also soweit, jetzt geht's rein ins Gastland. Oder zumindest ein bisschen, für ein paar erste unsichere Schritte. Zum Warmwerden mit Mexiko sozusagen. Vielleicht damit dann später der Kontrast nicht so stark ausfällt. Deshalb wohl ist der "Voiceck" der Gruppe Laokoon als deutsches Gastspiel zum Stückemarkt eingeladen worden – um schon mal eine Verbindung zu den südamerikanischen Autoren und Gruppen zu schaffen, denen dann die beiden Abschlusstage gewidmet sind.

Voiceck700 Schirin MoaiyeriVergruselte Bilder © Schirin MoaiyeriEin ästhetisch oder inhaltlich herausragendes neues Stück ist hier zumindest nicht aufgestöbert worden: Die gerade einmal einstündige Arbeit wirkt eher wie die pflichtschuldig zusammengewürfelte Umsetzung eines möglicherweise recht interessanten Förderantrags. Moritz Riesewieck und Tina Ebert, die "Laokoon"-Macher, sind jedenfalls bei einem Mexikoaufenthalt, bei dem sie im Auftrag des Goethe-Instituts eine Aufführung von Büchners "Woyzeck" erarbeiten sollten, auf einige landestypische Merkwürdigkeiten gestoßen und damit auf ein weiteres Projekt.

Beunruhigende Fakten

Dafür stehen die Performer Franz Hartwig und Luis Alberto Rodriguez nun in einer angedeuteten Nachbildung ihrer damaligen Wohnung in Mexiko Stadt, spielen Gitarre und singen den Titelsong von "True Detective". Als Detektive gebärden sie sich dann auch im Folgenden, als verblüffte, tief im Sumpf des Unklaren feststeckende Ermittler. Vor allem dem aufgekratzt servilen Deutschen erscheint es nämlich unheimlich, dass in dem fremden Land, das er 2013 besucht hat, so auffällig viele Kinder entführt werden und dann oft ohne Stimme zurückkehren. Solange die Fakten dargestellt werden, ist das ziemlich interessant und tatsächlich ausgesprochen beunruhigend. 15.000 verschwundene Kinder sollen es in jenem Jahr gewesen sein, weshalb Eltern ihren Nachwuchs an der Leine durch die Stadt führen. Der Videobeweis wird geliefert und ist so erschreckend wie komisch zugleich.

Verschwörungstheorien steigen auf und mit ihnen der fiebrige Verfolgungswahn des Woyzeck, dessen beängstigte Worte von Hartwig durchaus eindringlich rezitiert werden: "Oh, man müsst's sehen, man müsst's greifen können mit Fäusten." Dann demonstriert er aber auch, dass er sehr gut das "La Donna è Mobile" aus dem Rigoletto singen kann, während er auf dem Klo sitzt. Warum? Weil er's eben kann. Und weil er sowieso schon mal da ist. Sein Kollege Rodriguez tritt bescheidener auf, versucht zu erklären, muss dann am Ende aber auch sehr, sehr irre sein.

Schweiß und Augenrollen

Es wird überdies ein berühmter mexikanischer Fernsehmoderator vorgeführt, der öffentlich nur mit piepsender Kinderstimme spricht und das schon seit Jahrzehnten. Überhaupt: Überall in Mexiko die Stimmen der Kinder, und dann auch noch diese Insel, auf der unzählige vermoderte Puppen in den Büschen und Bäumen hängen. Angeblich hat die ein Mörder dort angebracht, der von seinem toten Sohn heimgesucht wurde. Um ihn zum Spielen zu verleiten und von sich selbst abzulenken.

Präsentiert wird das als überaus morbide Alptraumvision in hysterisch vergruselten Projektionsbildern und mit dröhnendem Wahnsinns-Soundtrack. Die Ermittlungen aber verlaufen im Sande, kommen keiner kollektiven Kinder-Neurose auf die Schliche und keinem Großverbrechen, liefern nur noch eitlen Schweiß und überambitioniertes Augenrollen. Geifernde Sensationslust könnte man dieser folkloristischen Horror-Show unterstellen, aber vielleicht ist das schon zu viel. Vor allem Schall und Wahn und noch mehr Schall werden hier geboten, Bilder, Dokumente, Zitate, Assoziationen, die nirgendwo hinführen würden – gäbe es nicht die Aussicht darauf, dass schon am nächsten Tag das wirre Geraune vergessen sein wird. Vielleicht – es bleibt zu hoffen – lässt sich dann ja tiefer einsteigen ins ferne, fremde Mexiko und seine Stimmen, sodass man sie zu fassen bekommt, und das, nach Möglichkeit, auch nicht mit Fäusten.

 

Voiceck
nach Motiven aus Georg Büchners "Woyzeck" von der Gruppe Laokoon
Eine Kooperation mit dem Theaterdiscounter Berlin und der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch"
Regie: Moritz Riesewieck, Dramaturgie: Tina Ebert, Bühne und Kostüm: Teresa Grosser, Video: Roman Kuskowski, Kay-Alexander Michalczack, Licht: Christian Maith, Sound: Felipe Sanches Luna.
Mit: Franz Hartwig, Luis Alberto Rodriguez.
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

www.theaterdiscounter.de