Das Tierreich – Gordon Kämmerer versteckt in seiner Uraufführung die Lässigkeit von Nolte Decars Stück hinter grellen Masken

Nur jung sein, sonst nichts

von André Mumot

Heidelberg, 25. April 2015. Man kann, was sehr schön ist, im Heidelberger Festival mitanhören, wie Stücke ganz vorsichtig und noch recht kunstlos zum Leben erwachen, wenn sie im Autorenwettbewerb gelandet sind und in gekürzter Form gelesen werden. Und dann, ein Jahr später, sieht man sie womöglich wieder, fertig inszeniert, mit allem Drum und Dran. Mal ist das dann sehr wenig Drum und Dran (wie am ersten Abend bei Pipsa Lonkas Little Town Blues) und manchmal sehr, sehr viel.

Das Stück ist ein Glücksfall

"Das Tierreich" des Autoren-Duos Nolte Decar jedenfalls ist beim Stückemarkt von 2014 zweifellos ein Höhepunkt gewesen und hat schon bei der Lesung für allgemeine Verzückung gesorgt, weil es so leicht, ja, geradezu schwerelos seine Wirklichkeiten einfängt. Da stürzt, mitten in den Sommerferien, ein Leopard II-Kampfpanzer aus heiterem Himmel auf das Hindenburg-Gymnasium einer nicht weiter benannten Stadt. Jede Menge Schülerinnen und Schülern reden dann darüber, aber auch über anderes, sie spielen Tischtennis, liegen auf Badetüchern, flirten, tanzen, rauchen, bauen Unfälle, klauen Chninchillas und setzen sie aus. Es passiert nicht viel, und alles rauscht flüchtig vorbei, aber das ganze Leben ist da.

das tierreich 700 RolfArnold uImmer nur Lächeln im Land der Pubertät: Anna Keil, Michael Pempelforth, Julia Berke (oben),
Dirk Lange, Andreas Herrmann und Pina Bergemann  (unten) © Rolf Arnold

Das Stück ist ein Glücksfall, weil es seine impressionistischen Alltagsbeobachtungen ohne jede Prätention verdichtet und dabei Pointen fallen lässt, die eine ungeheure, achselzuckende Selbstverständlichkeit haben. Ein Stück, das schlicht davon handelt, was es bedeutet, jung zu sein, das von einer Zeit erzählt, in der nur das eigene Leben und das der Freunde von Bedeutung sein muss, während um die Teenager herum das Chaos der Welt seine Verheerungen anrichtet. "Wir küssen uns, und woanders ist Krieg" ist so ein Satz, der einmal ohne jedes weitere Gewese ausgesprochen wird, ganz nebenbei, weil es eigentlich nur um einen Artikel für eine Schülerzeitung geht. Regisseur Gordon Kämmerer aber nutzt den Ausspruch in seiner Leipziger Uraufführungsinszenierung, um die Darstellerinnen Julia Berke und Anna Keil in einer druckvoll gierigen Verführungsszene übereinander herfallen zu lassen.

Wie eitle Großkundgebungspolitiker

Ja, der ganze Abend ist wild, knallbunt und virtuos, schließlich verwandelt das sechsköpfige Ensemble die 21 Jugendlichen, um die es hier geht, in schrille Frankensteinmonster mit grotesk hohen Stirnen und breiten Schultern, in puppenäugige Horror-Lolitas und dickbäuchige Zombierollstuhlfahrer, die auch schon mal pantomimisch mit Baseballschlägern auf einander losgehen. Der lässig hingehauchte Realismus der Vorlage wird von einer Herbert-Fritsch-artigen Freakshow überlagert und in einen konsequenten Verfremdungsabstand strafversetzt, aus der er jedoch immer wieder in einzelnen Tönen, Dialogen, Blicken und Gesten hervorlugt – und dann auch keineswegs seine Wirkung verfehlt.

Ohnehin kann man sich, nach anfänglicher Irritation, auch der furiosen Grimassenparade kaum entziehen, ihrem Schwung, ihren vielen verspielten Details, ihren Verkrümmungen und Verzerrungen, in denen Partys, Musikvideos, Pornos und Zombiefilme alle pubertären Unsicherheiten laut überdröhnen und damit indirekt betonen. Es macht Spaß, den Schauspielrinnen und Schauspielern dabei zuzusehen, wie sie sich anfunkeln und anspringen, Model-Pirouetten drehen, ihre Kostüme aufblasen und in Zeitlupe durch den Kunstnebel staksen, wie sie den "Prinz von Homburg" für die Theater-AG proben und ihren Lehrerhass herausposaunen wie eitle Großkundgebungspolitiker.

Doch all die demonstrativ abwechslungsreiche Hochdruckschauspielerei, die von einem Kunststück zum nächsten wirbelt, erweckt dann eben doch den Eindruck, die Inszenierung habe Angst davor, von ihrem so eklatant souveränen Ausgangstext überflüssig gemacht zu werden. "Das Tierreich" aber setzt sich durch, so oder so, funkelt still und gewitzt unter dem Krawall und tut auch unter Hitlerbärtchen und Horrorperücken, was es schon letztes Jahr beim schlichten Vorgelesenwerden getan hat: Es gewinnt die Zuschauerherzen mit allergrößter Lässigkeit.

 

Das Tierreich
von Nolte Decar
Schauspiel Leipzig
Regie: Gordon Kämmerer, Bühne: Jana Wassong, Kostüme: Josa David Marx, Video: Stini Röhrs, Dramaturgie: Julia Figdor.
Mit: Pina Bergemann, Julia Berke, Anna Keil, Andreas Herrmann, Dirk Lange, Michael Pempleforth.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause



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