Der Mann aus Oklahoma – Lukas Linder erzählt vom Erwachsenwerden und abwesenden Vätern in einer Western und Gangster Coming-off-Age-Assemblage

Darauf einen Whiskywodka

von André Mumot

April 2015. Nostalgie ist doch was Schönes. "Die Natur lockt", sagt die Lehrerin und erinnert sich ans Jungsein: "Es gilt Ratten zu töten. Und Mädchen zu belästigen. Hach. Pubertät. Wie gerne wäre ich wieder dreizehn." Ein Stoßseufzer, den diejenigen, die in diesem Stück tatsächlich Teenager sein müssen, so gar nicht nachvollziehen können. Ihr Leben sieht schließlich hauptsächlich finster aus. Vor allem, wenn im Unterricht die Vortragsreihe "Vater, du Idol" anberaumt wurde. Für Astrid jedenfalls eine Totalkatastrophe, denn ihr Vater scheitert nun sogar daran, vor der versammelten Klasse ihre Französisch-Grammatik in Stücke zu reißen. "Das ist der absolute Tiefpunkt", sagt die Lehrerin.

Wie das Duo Nolte/Decar im letzten Jahr beteiligt sich auch der Schweizer Autor Lukas Linder mit schnoddrigen Pausenhofdialogen am Heidelberger Wettbewerb. Doch anders als im federleicht hingetupften "Tierreich" enthält sein Jugendstück keine quasi-realistischen Impressionen, sondern vor allem schrill-skurrile Überzeichnungen: Diese ausgeklinkte Pennäler-Komödie schickt das Sanfte und das Grausame auf wilden Kollisionskurs und lässt dabei nur Versehrte und Traurige zurück. So wie Astrids Vater, der einst ein gefeierter Ringer war, für den sich die Tochter ganz furchtbar schämt, und der eigentlich nur davon zu berichten weiß, wie er einst gegen einen Amerikaner spektakulär verloren hat, gegen jenen "Mann aus Oklahoma", der hier den Titel vorgibt.

Vater als Leerstelle

Dabei steht eigentlich ein anderes Elternteil im Zentrum der Handlung, und das, ohne je aufzutauchen. Es ist der Vater von Fred, und er hat sich, in dem Augenblick, da die Handlung einsetzt, gerade erst aus dem Staub gemacht. Niemand weiß wohin, klar ist nur, dass er es nicht mehr ausgehalten hat bei seiner Frau. Kein Wunder, möchte man sagen, denn diese ständig krakeelende Monstermutter ist so egozentrisch wie unsensibel. Ständig rückt sie dem Sohn mit frontalen Indiskretionen zu nahe ("Masturbierst du? Warum nicht? Mach doch endlich mal was Gesundes.") und holt dann auch noch umgehend einen abstoßend übergriffigen Stiefvater ins Haus: den Konditionstrainer Ehrlicher, Verfasser des Aerobic-Bestsellers "Adieu, mein Phlegma" und passionierten Sammler erotischer Stiche: "Wir verstehen uns. Wir sind beides Erotomanen, Fred."

Angesichts solcher Zumutungen bleibt dem in die Enge getriebenen Sohn selbst nur die Flucht nach Innen, und seine hormonell hochgeheizte Fantasie führt ihn auf direktem Wege in die von starken Schatten und chauvinistischen Sprüchen schraffierten Welten des amerikanischen Film-Noir. Immer wieder ergötzt sich Linder daran, seinen dreizehnjährigen Helden mit Trenchcoat, "Whiskywodka" und Zigaretten auszustatten, um ihn dann mit heruntergezogenem Mundwinkel allerhand Hartgesottenes sagen zu lassen: "Ich habe mittlerweile gelernt. Wenn eine Frau dich küssen will. Dann will sie dich wahrscheinlich erschießen."

Leichtigkeitserzeugung mit Untergrund

Es ist am Ende die ruppige Astrid, die ihn vielleicht küssen will, die sich aber erst einmal mit ihm gemeinsam auf die Suche nach seinem verschwundenen Vater macht, den sie in der Dachkammer einer benachbarten Villa vermuten – gefesselt von der heißesten Blondine der Stadt. Dieses Abenteuer, das mit einem überaus effektvollen Blitzeinschlag endet, ist tatsächlich der komische Höhepunkt eines Stückes, das von einer prallhumorigen Szene zur nächsten huscht und von Pointe zu Pointe springt. Witzig ist das vor allem, weil die minderjährigen Figuren sich ständig auf dem schmalen Grat zwischen altkluger Peanuts-Melancholie und den verzweifelten Untiefen pubertärer Sinnkrisen bewegen: „Die Geilen gehen mit den Geilen. Vielleicht gehen die Geilen auch mal mit den Hübschen. (...) Aber nie. Nie. Niemals gehen die Geilen mit den Niedlichen. Oder gar mit den Hässlichen. Nie.“

Schon jetzt ist das Stück ein beachtlicher Erfolg, schließlich hat der 1984 in der Schweiz geborene Autor gerade erst den mit 7500 Euro dotierten Kleist-Förderpreis dafür erhalten, sodass "Der Mann aus Oklahoma"vom Schauspiel Leipzig in Kooperation mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen bereits am 9. Juni seine Uraufführung erleben wird. Schon mit anderen Arbeiten hat Lukas Linder Auszeichnungen eingefahren: Den Jury- und Publikumspreis des Autorenlabors in Düsseldorf nahm er 2009 ebenso entgegen wie er 2010 die Werkstatttage "stück für stück" am Wiener Schauspielhaus gewann. Doch gerade hier, in seiner aberwitzigen Gangsterfilm- und Coming-Off-Age-Assemblage zeigt sich ein bemerkenswertes Geschick in hintergründiger Leichtigkeitserzeugung.

Nicht nur gelingt es ihm, den dreizehnjährigen Fred zu einer ungewöhnlich liebenswerten Hauptfigur zu machen. Vor allem bringt er das Kunststück zustande, in einem Stück, das sich zum größten Teil aus rabiatem Humor und den geifernden Karikaturen abstoßender Erwachsener speist, ein warmes, starkes Gefühl authentischer Verlorenheit wachzuhalten.

Farce übers Erwachsenwerden

Ja, es gibt viel zu lachen, und doch treibt immer deutlicher die Geschichte eines Sohnes an die Oberfläche, der einen davongelaufenen Vater idealisiert, um den Schmerz des Verlustes überhaupt aushalten zu können: "Ein Mann muss gehen, wenn er spürt, dass er gehen muss. Ich würde ja auch gehen", resümiert Fred sehr abgeklärt und sehr bekümmert. Doch wer dieser Vater wirklich gewesen ist, dieser Mann, der gerne Victory-Zeichen gemacht hat und in jedem Urlaub beklaut worden ist, erfahren wir nicht, er ist bloß eine Leerstellen-Figur, eine, die, genau wie Linders Stück, gern Scherze macht, und der man deshalb nur schwer auf die Schliche kommt: "Einmal hat er unbedingt Saxophon spielen wollen. Meine Mutter natürlich sofort. In meinem Haus ertrage ich nur die Matthäus-Passion an Weihnachten."

Es ist sehr schön und sehr schrecklich zugleich, dass Linder trotz reinigendem Schlussgewitter die ganze Farce des Erwachsenwerdens auf keine Lösung, auf kein befriedigendes Ende zusteuern lässt. Der Unbekannte, den Fred als Detektiv in seiner Fantasie aufstöbert, ist schließlich doch nur wieder der Mann aus Oklahoma. Spätestens mit Dreizehn fängt das Leben wohl an, eine Suche zu sein, bei der man nicht aufgeben, aber auch nicht allzu viel erwarten darf: "Ich denke. Eines Tages werde ich ihn finden. Und wahrscheinlich wird es dann zu spät sein. Und ich werde dastehen und denken: Dass ich dich erst finde, wenn es schon zu spät ist, das ist wahrscheinlich mal wieder einer deiner Späße gewesen."

 

Lesung von "Der Mann aus Oklahoma" am ersten Tag des Autorenwettbewerbs, 25. April, 15.30 Uhr, im Alten Saal

 

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