Stallerhof / 3 D – Stephan Kimmigs Stuttgarter Doppelinszenierung zum Thema Missbrauch

Das Yin und Yang des Missbrauchs

von Wolfgang Behrens

Heidelberg, 2. Mai 2013. Der Ein oder Andere wird sich an "From Dusk Till Dawn" erinnern. Das ist dieser Film aus den 1990ern von Robert Rodriguez, der als Gangster-Roadmovie beginnt, um mittendrin aus heiterem Himmel das Genre zu wechseln und in einen üblen Splatterfilm überzugehen. Man kann sich bei "Stallerhof / 3D" ganz ähnlich fühlen: Stephan Kimmig hat hier einen Klassiker des Kritischen Volksstücks vor der Pause mit einem zeitgenössischen Boulevard-Reißer verknüpft. Stücke, die durch nichts verbunden sind als durch ihr Thema – das aber könnte ernster nicht sein: Missbrauch.

Zwei mal Familie

Kimmig inszeniert die Stücke wie Yin und Yang: In Kroetzens "Stallerhof" wird die Geschichte der "zruckbliebnen" Bauerntochter Beppi mit lastender Schwere erzählt, die Wörter fallen den Figuren hart und langsam aus dem Mund. In Stephan Kaluzas Konversationsstück "3D" dagegen liefern sich die Schauspieler Minna Wündrich und Elmar Roloff ein rasantes und brillant getimtes Rededuell, in dem sich – vermeintlich – ein Paar nach 20 Jahren Sendepause bei der Aufarbeitung einer von Missbrauchsvorwürfen verdunkelten Vergangenheit ineinander verkeilt.

Stallerhof1 700 Sonja RothweilerVater, Mutter, Kind: "Stallerhof / 3D" © Sonja Rothweiler

In "Stallerhof" findet die Beppi, die von ihren Eltern nichts als Lieblosigkeit erfährt, Zuwendung nur beim Sepp, dem Knecht des Hofes. Der jedoch, selbst ein Zukurzgekommener, missbraucht und schwängert die Teenagerin. Martin Leutgeb spielt diesen Sepp so genau wie unspektakulär – er verleiht der Figur genügend Liebe und dem schweren Körper einige Momente von so unbefangener Leichtigkeit, dass die zerbrechlichen Sehnsüchte hinter Sepps Handeln große Glaubwürdigkeit gewinnen. Leutgeb zeigt indes auch die andere Seite Sepps, eine latente Brutalität, die jede Zärtlichkeit in eine sadistische Machtdemonstration am noch schwächeren Gesellschaftsglied kippen lassen kann.

Die Besetzung der Beppi ist die Crux aller "Stallerhof"-Aufführungen, lauert doch hier die Gefahr, in allzu billige Stereotype einer Behinderten-Darstellung abzurutschen. Bei Silja Bächli aber sind – sieht man von der fingerdicken Hornbrille ab – alle Klischees vermieden, sie entwickelt ihre verlangsamte, leicht ungelenke, leicht staksige Körpersprache ganz aus sich heraus, ohne eine konkrete Behinderung nachzuäffen. In der selbstverständlichen Kreatürlichkeit, in der Bächli ihre Beppi aufleuchten lässt, gewinnt die Figur schmerzhaft berührende Intensität. Bis zur Pause sieht man an diesem Abend quälendes und großes Theater.

Beharrliches Leugnen

Dann aber, ach!, folgt "3 D". Die psychologische Sorgfalt des Kroetz-Stückes wird nun einer hanebüchenen, auf Effekt getrimmten Überraschungsdramaturgie geopfert. In kolportagehafter Manier jagt der Dialog von einer frappierenden Wendung zur nächsten und wirft irgendwann jede Plausibilität über Bord. Bette, die Frau, die ihrem Mann Albert nach 20 Jahren vorwirft, die gemeinsame Tochter Clara missbraucht zu haben, erweist sich im finalen Dreh der Geschichte als Clara selbst – die Tochter hatte dem Vater A ein B für ein C vorgemacht, um ihm seine ganze Jämmerlichkeit – die Jämmerlichkeit des beharrlich leugnenden Täters – vorzuführen. An den Schauspielern liegts nicht (und auch nicht an der Regie), wenn dieser zweite Teil einen höchst schalen Geschmack hinterlässt – wenn aber das sensible Thema Missbrauch als Vehikel benutzt wird, um beim Zuschauer ein wenig Boulevard-Thrill hervorzurufen und ihn hernach bestens unterhalten zu entlassen, dann ist das schon bedenklich. Eigentlich ein Fall von Missbrauchs-Missbrauch.

Stallerhof / 3 D
von Franz Xaver Kroetz und Stephan Kaluza
Uraufführungs-Inszenierung (3D)
Gastspiel Staatstheater Stuttgart Regie: Stephan Kimmig, Bühne und Video: Oliver Helf, Kostüme: Annelies Vanlaere Dramaturgie: Kekke Schmidt.
Mit: Sebastian Kowski, Mariett Meguid, Silja Bächli, Martin Leutgeb, Elmar Roloff, Minna Wündrich.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause.

www.schauspiel-stuttgart.de

 

Zur Nachtkritik der Stuttgarter Premiere im Oktober 2012

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