Erbsenzählende Klappergestelle

von Elena Philipp

"Ich muss mich auf etwas gefasst machen. / Ich muss mich auf Maya gefasst machen", wappnet sich die neunjährige Lou, als ihre Schwester aus der Klinik nach Hause kommt. Maya ist 14 und magersüchtig. Lou fürchtet die neuerliche Unsicherheit, die Angst und die Verdachtsmomente: Wird Maya wieder heimlich einkaufen gehen – Salatgurke, fettarme Milch, Tomate, grün-weiß-rot für eine italienische Woche, "abgewogen und abgemessen und abgezählt”? Wird sie wieder wie eine Bekloppte die Treppen hinauf- und hinunterrennen, heimlich Liegestützen machen, in der Tiefgarage sprinten? In alte Muster zurückfallen?

Mayas Magersucht prägt auch Lous Leben, ist eine Belastung für das Gesamtsystem Familie. Will Maya früher den Esstisch verlassen, fragen sich die Eltern panisch: "Darf sie aufstehen? Oder besser nicht? Stand was dazu in den Büchern?" Mühsam muss das erschütterte Vertrauen wieder aufgebaut werden. Anhand alltäglicher Details zeigt Esther Becker das Ausmaß gegenseitiger Verletzungen, ohne Betroffenheit und Pathos zu bemühen. Maya hatte ein T-Shirt von Lou an, als sie in die Klinik eingeliefert wurde – geklaut hat sie es, wie Lou ihren Schulfreunden Roberta und Jonas erzählt. Noch ein Vertrauensbruch. Als Lou von Maya hört, dass diese das T-Shirt entsorgt hat – "Das war ein Ritual. All die Anziehsachen, die uns am Ende zu klein waren, wurden weggegeben. Als Zeichen, dass wir sie nie mehr brauchen werden" –, ist sie fassungslos: "Wie kannst du etwas verschenken, dass dir gar nicht gehört?" Maya verspricht, im Kaufhaus ein neues Oberteil zu kaufen, doch das beruhigt Lou nicht im Mindesten: "Du darfst nicht. Da gibt es auch eine Lebensmittelabteilung." Alte Muster!

Weltmeisterin im Warten

Über all dem Ernst der Krankheit vergisst Esther Becker in "Supertrumpf" nicht den Humor. Aus Lous Kinderperspektive lässt sich auch das Grotesk-Komische der Erkrankung trefflich schildern: "Maya, die vor ihrem Teller sitzt. Darauf sind noch die Erbsen übrig. Sie isst die Erbsen. Einzeln. Erbse für Erbse für Erbse. Sie zählt sie, denke ich. Maya zählt Erbsen! Ich muss lachen." In einem von vier in den Theatertext eingeschalteten, surreal anmutenden Kurzmärchen nimmt Becker das Motiv des Erbsenzählens wieder auf. Zehn dürre Klappergestelle sitzen in der Klinik am Esstisch, mit genau einhundert Erbsen auf dem Teller, hektisch zählend. "Da liess das erste Klappergestell sein Gäbelein fallen und schrie: Es sind zu viele. Die esse ich nicht. Da kam die Pflegerin und schob ihr die Erbsen durch einen langen, gelben Gummischlauch durch das rechte Nasenloch direkt in den Magen, bis alles aufgegessen war."

Präzise, knapp und dicht gestaltet ist die Sprache. Souverän nutzt Becker musikalische Strukturprinzipien, rhythmisiert mittels Textsortenwechsel und Ellipsen, wiederholt und variiert Figurenrede, ganze Textpassagen. "Das ist wie ein Puzzle", erklärt sie. "Ich schiebe Text hin und her, bis es passt, und frage mich, ob das hier noch Spaß und Sinn macht. Ich versuche zu spielen." Das eint sie mit ihrer Hauptfigur: Auch Lou spielt liebend gerne – das Kartenspiel Supertrumpf, "Leben und Tod" genannt. Nach den drei Monaten, die Maya in der Klinik verbrachte und in denen Lou mit den Pflegern PS-Zahlen, Gewicht oder Geschwindigkeit von Schiffen, Panzern und Jets verglich, kann sie von sich sagen: "Ich bin: / Weltmeisterin im Warten! / Weltmeisterin mit den Karten!" Refrainartig wiederholt Lou diese Wendung, trotzig und erfreulich selbstbehauptend. Als wüsste sie mit kindlicher Unbekümmertheit das Beste aus der schwierigen Situation zu machen – und doch auch, als brauchte sie die Sätze zum Daranfesthalten. Worte wie ein Ankertau. Am Ende werden Lou und Maya in ruhigeren Gewässern landen: Maya schenkt Lou ein neues T-Shirt – als Zeichen eines Neuanfangs, alleine im Kaufhaus besorgt, ohne in alte Einkaufsmuster zu verfallen.

Autorin, Darstellerin, Regisseurin und Dramaturgin

Einem großen, schweren Thema eine Mut machende, lebensbejahende Leichtigkeit abzugewinnen, das gelang der 1980 geborenen Autorin schon in ihrem Vorgängerstück, "Cowboy ohne Pferd". Nicht explizit ein Kinderstück, erzählte Esther Becker auch hier aus der Kinderperspektive, vom Selbstmord eines depressiven 30-jährigen. Am Vorabend von Karls Beerdigung tauschen Nina und Jens, die Nichte und der Sohn von Freunden, ihre Erinnerungen aus. Sie spekulieren über Karls Motive, imaginieren einen Film über sein Leben, sammeln möglichst viele der Phrasen, die Erwachsene anlässlich von Todesfällen äußern. Im langsamen, sprachspielerischen Umkreisen der Leerstelle kommen sie einander und dem verlorenen Menschen näher. Und trotz des Todesfalls verliert der Alltag nicht an Relevanz: Jens wird am Tag der Beerdigung seine Fahrradprüfung machen, damit er nicht mit den Durchfallern nachgeprüft wird – das wäre ja so peinlich.

Beckers Schreibtechnik ist in "Cowboy ohne Pferd" bereits ähnlich ausgefeilt wie in "Supertrumpf": Erst nach und nach wird offenbar, was eigentlich genau geschehen ist, und hinter alltäglichen und scheinbar nebensächlichen Details verbergen sich die Phantasie anregende Vorgeschichten, mit denen auch die Regie spielen kann. Dagegen beschrieb Beckers Erstling "Schlittentaxi" noch recht chronologisch, aber schon voller Humor die Weihnacht der wohlstandsverwahrlosten Gertrud, die den von ihren Arzteltern bestellten Weihnachtsmann als Taxifahrer Jochen enttarnt und ihn mit vorgehaltenem Jagdgewehr kurzerhand zum Freund erklärt. "Schlittentaxi" entstand parallel zu Beckers Schauspielstudium an der Zürcher Hochschule der Künste bei einer Schreibwerkstatt. "Ich hab’ gedacht, das kann ich auch", erzählt die gebürtige Erlangerin nonchalant-charmant über ihre Anfänge als Autorin. Eine richtige Annahme: Mit dem Paul Maar Stipendium wurde sie zur Dramatikerwerkstatt der Bundesakademie für kulturelle Bildung in Wolfenbüttel eingeladen und fand einen Verlag. "Supertrumpf" entstand mit Unterstützung des Stipendiums zum Deutschen Kindertheaterpreis 2012. Mehr Texte werden folgen: Esther Becker, die mit ihrer Zwillingsschwester Anna im Kollektiv bigNOTWENDIGKEIT als Autorin, Darstellerin, Regisseurin und Dramaturgin tätig ist, erklärt das Schreiben zu ihrem Hauptinteresse. In ihrem neuen, noch in Arbeit befindlichen Stück treten der Geist von Elvis, zwei Frauen auf einem Road-Trip und ein Hund als Medium auf. Da kann man sich auf Einiges gefasst machen.

 

Lesung von “Supertrumpf” am zweiten Autorentag, Samstag 4. Mai, um 14.30 Uhr, im Alten Saal.

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