Theater in der Wirtschaftskrise – eine Podiumsdiskussion zur Situation der Theaterszene in Griechenland

Für alle reicht es nicht

von Georg Kasch

Heidelberg, 28. April 2013. Natürlich muss dieses Thema diskutiert werden, wenn man Griechenland zum Gastland kürt: Wie verändert die Wirtschaftskrise das Theater? Auf der Produktionsebene lassen sich die Auswirkungen am klarsten umreißen: Es gibt zwei Staatstheater in Athen und Thessaloniki, dazu zehn minimal budgetierte Provinzbühnen, eine reiche Privattheater- und eine privat organisierte freie Szene, die seit der staatlichen Subventionsstreichung von der Hand in den Mund lebt. Allein in Athen gibt es 80 Theater, die etwa 300 Premieren pro Jahr stemmen. Die Subventionen sind seit Beginn der Krise um 30 Prozent gefallen, dafür steigen die Preise – Windeln zum Beispiel sind dort etwa 40 Prozent teurer als hier. Die ökonomische Krise ist vor Ort vor allem eine soziale.

Woher also kommt das Geld? Vor allem von den großen Stiftungen wie die der Reeder-Familie Onassis, sagt Anestis Azasvideosymbol, Regisseur, Griechenland-Scout des Festivals und Moderator der Runde. Sie mischen sich nicht inhaltlich ein, arbeiten zunehmend mit Kuratorien, kurz: Sie übernehmen die Rolle des Staates. Für alle reicht es trotzdem nicht. Am besten haben es noch die festangestellten Schauspieler. Anfänger am Nationaltheater bekommen 595 Euro brutto, die Höchstgage liegt bei 2.000 Euro im Monat – bei dramatisch gestiegenen Preisen.

"Die Krise macht frei"

Dass die Theater trotz der Krise, der allgemeinen Einkommenseinbußen und ihrer hohen Ticketpreise voll sind (das Nationaltheater reagierte mittlerweile mit Preissenkungen, manche Gruppen der Freien Szene spielen für lau), liegt auch an der traditionellen Liebe der Griechen zum Theater, erklärt der in Zürich lebende Dramaturg Armin Kerber, der das Land und seine Szene von vielen Reisen kennt. Gerade weil die Privattheater so etwas wie RTL2 auf der Bühne seien, nähmen die Theater einen viel breiteren Raum ein als in Deutschland: "Hier wird das Theater nie an sich in Frage gestellt." Seit Beginn der Wirtschaftskrise hat er keine Veränderung der Theaterästhetik festgestellt: "Das Besondere daran ist ja, dass es im Gegensatz zum deutschsprachigen Theater antirealistisch und hoch emotional zugleich ist."

Die griechische Festivalleiterin, Theaterwissenschaftlerin und Übersetzerin Helene Varopoulou (hier geht’s zu ihrem Essay über die griechische Theaterszene) betont hingegen, dass es sowohl Kontinuitäten als auch Brüche gebe. "In schwierigen Momenten wurde das Theater immer politisch. Jetzt werden neue politische Räume erschlossen." Das müsse nicht zwangläufig die verhandelten Themen betreffen: "Ich meine damit auch andere Produktionsbedingungen, kollektives Arbeiten, alternative Räume, neue Formen der Kreativität." Noch entschiedener formuliert es Vangelis Hadjiyannidis, dessen Stück "Am Bildschirm Licht" am Samstag vorgestellt wurde: "Die Krise macht frei." Weil es weniger Geld gebe, müsse man mehr Versuche starten, sich in mehr Aufführungen stürzen: "Die Künstler machen jetzt das, was ihnen am Herzen liegt." Was Simos Kakalas, dessen Inszenierung von Geschmolzene Butter am Samstag zu sehen war, aus dem Publikum heraus umgehend bestätigte.

Gibt es eine ästhetische Sprache der Krise?

Dass beim Ringen mit der tagesaktuellen Politik durchaus etwas auf der Strecke bleiben kann, deutete Yannis Leontaris an, Regisseur von Poli-Kratos: "Wir besitzen noch keine ästhetische Sprache, um über die Krise zu diskutieren. Wenn man sich künstlerisch mit der Krise auseinandersetzt, heißt das noch lange nicht, dass das ästhetisch berechtigt ist." Anfangs sei das Stück nur wütend gewesen, jetzt besäße es auch Momente der Melancholie und Trauer. Seine Beobachtung ist: "Wütend kann man nicht mehr beobachten, aber aus Trauer lässt sich Neues schaffen."

Auf die Frage aus dem Publikum, was man denn von hier aus tun könne, sagte Varopoulou: "Man kann diese Krise nicht auf dem Theater lösen, sondern muss auch als Bürger aktiver werden, präsent bleiben." Schließlich seien die wirtschaftlichen und politischen Verfallserscheinungen gesamteuropäische Probleme, die auch nur in diesem Rahmen gelöst werden könnten. Mit Begegnungen wie dieser sei ein erster Schritt getan: "Halten Sie den Dialog wach!"

 

Theater in der Wirtschaftskrise
Diskussion
Mit: Armin Kerber, Helene Varopoulou, Vangelis Hadjiyannidis, Yannis Leontaris. Moderation: Anestis Azas.

www.theaterheidelberg.de

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