Autorentag 1 – Griechische Theaterstücke von Lena Kitsopoulou, Yannis Mavritsakis, Vangelis Hadjiyannidis

Viele blinde Flecken

von Simone Kaempf

Heidelberg, 27. April 2013. Die Finanzkrise? Um die geht es erstaunlich wenig. Die ist gar nicht der größte Feind. Es gibt Schlimmeres, findet zumindest der Restaurantbesitzer Diakos. "Der Feind ist nicht die Krisis. Der allerschlimmste Kontrahent, das ist die menschliche Physis" reimt und witzelt er in dem Stück, das die Autorin, Regisseurin und Schauspielerin Lena Kitsopoulou, Jahrgang 1971, nach ihm benannt hat: "Athanasios Diakos – Die Rückkehr".

lesunggrhd 250 mw uLesung von "Am Bildschirm Licht"
© Matthias Weigel
Dieser Diakos hat einen ziemlich berühmten Namen, denn so hieß der griechische Nationalheld, der 1821 gegen die türkischen Besatzer kämpfte. Im Zuge dieser Befreiungskriege wurde Griechenland nach mehreren Anläufen unabhängig vom Osmanischen Reich. Nun betreibt Diakos ein Grillrestaurant. Seine Frau bekommt bald ihr erstes Kind, allerdings nicht von ihm. Der kurdische Küchenarbeiter Mohammed hat sie geschwängert – sozusagen besetzt. Und Diakos, der Befreier? Er frotzelt, er witzelt, auch über die Krise, er verkündet in metrischen Versen, wie er eine Pfählung überstanden hat. Dann mimt Diakos nochmal den starken Mann und vergewaltigt seine Frau, weiter seine Späße damit treibend, in den Schulbüchern ein Held zu sein. Tief im Inneren ist er ein Hasenfuß, so die Botschaft von Kitsopoulous Theaterstück, das mit zwei weiteren griechischen Texten am ersten Heidelberger Autorentag vorgestellt wurde.

Anestis Azas videosymbol, Scout für den Gastland-Schwerpunkt, hat diese drei Stücke repräsentativ für die paradoxe griechische Situation ausgewählt: "Niemand will mehr über die Krise sprechen, das ist Verdrängung als Lebensstrategie, man zieht sich ins Private zurück und versucht zu retten, was man kann." In den drei Theatertexten kommt zur Sprache, worüber sich schlecht reden lässt: eine Identitätskrise, deren Ursprung sich zwar aus der Finanzkrise erklären lässt, die aber längst viel tiefer vorgedrungen ist.

Nikis absurde Reise

So wie Diakos sein Heldentum abhanden gekommen ist, hat Niki, die Hauptfigur in "Der blinde Punkt" ihren Mann verloren – und erfährt damit auch einen Lebens-Verlust, wie ihn derzeit wohl viele Griechen erleiden. In der Fleischerei kauft sie nur noch selten ein, schon aus materiellen Gründen. Die Menschen, denen sie begegnet, wirken nicht minder entfremdet als sie selbst. Autor Yannis Mavritsakis, Jahrgang 1964, schickt sie auf eine Reise an absurde Stationen: ein geschlossenes, leeres Geschäft, in das ein Einbruch versucht wird, an eine Ampel, in eine Fleischerei. Begegnungen finden statt, aber die Distanz bleibt. Alle bieten ständig ihre Hilfe an, ohne dass mehr dahinter steckt.

Mavritsakis breitet diese Beziehungslosigkeit sehr langsam aus, und wer sich bei Niki streckenweise an Lotte aus Botho Strauß' "Groß und klein" erinnert fühlt, liegt damit gar nicht so falsch. Allerdings geht diese Niki einen viel pessimistischeren Weg, denn das eigene Leiden gegen den Rest der Gesellschaft zu setzen, funktioniert so nicht mehr. In monologischen Einschüben räsoniert sie, dass alles irgendwann zu Ende geht – zumindest diese Entscheidung nimmt sie selbst in die Hand und tritt schließlich auf eine vielbefahrene Straße, wo sie ein Lastwagen erfasst.

Eine heimlich gefilmte Affäre

In ihrer Identitätsbefragung bohren die griechischen Stücke sehr tief. Die Finanzkrise kommt gar nicht mehr vor, die Texte drängen in grundsätzlichere existenzielle Bereiche, in denen Verunsicherung herrscht und menschliches Verhalten regressiv unberechenbar wird. Im dritten Stück "Am Bildschirm Licht" von Vangelis Hadjiyannidis ist es eine Gruppe von fünf Jugendlichen, die eigentlich mit privaten Problemen genügend beschäftigt ist, eine Mutter etwa ist an Krebs erkrankt, ein Vater hat einen Unfall mit einem Schwerverletzten verursacht. Als ein Schüler herausfindet, dass eine verheiratete Lehrerin eine Affäre hat, filmt er das nächste Rendezvous, um die Lehrerin zu erpressen. Das Geheimnis macht unter den Freunden schnell die Runde, aber die Reaktionen unterscheiden sich und spalten die Gruppe untereinander. Hadjiyannidis lässt einen an der Konfliktlösung teilhaben, inklusive Happy End für alle.

Ursprünglich hat er das Stück als Auftragswerk speziell für Jugendliche geschrieben, eine Besonderheit, weil es Jugendtheater in Griechenland so nicht gibt. Zwar wird in Schulen Theater gespielt und viele Stoffe werden für Kinder adaptiert, doch das Genre entwickelt sich gerade erst, das erfuhr man nach der Lesung vom Autor Hadjiyannidis und vom Übersetzer Martin Scharnhorst. Dennoch gehen die Heranwachsenden auch ins Theater, ein griechischer 16-jähriger Jugendlicher hat in der Regel bereits die "Orestie" gesehen.

Verunglimpfung einer Autorin

Für Scout Anestis Azas ist es auch ein Ziel, zu erfahren, welche griechischen Stücke für ein internationales und deutsches Publikum interessant sein könnten. Bei den Lesungen funktionierte Kitsopoulous "Athanasios Diakos" jedenfalls mit am besten. Den schweren Stoff schultert die Autorin wie eine Komödie, auch mithilfe des fünfzehnsilbigen Metrums, das dem Text Rhythmus verleiht. Alles Heldische wird vom Sockel genommen, den Gebrauch des Mythos hinterfragt sie. Dieser Diakos wird nicht von einer Übermacht des Schicksals getrieben, so wie er es behauptet, sondern versagt in privaten Momenten, in denen ihm noch eine Wahl bliebe.

In Griechenland hat das Stück damit ziemliche Wirkung erzielt. Als die Autorin es selbst beim Athen Festival inszenierte, wurde sie von nationalistischen Vertretern öffentlich als anti-christlich und anti-national angegriffen. Eine Zeitschrift verunglimpfte sie mit dem Abdruck eines alten Nacktfotos. Das ganze nahm immer größere Dimension an, als auch der Leiter des Athen Festivals in die Schusslinie geriet. Lena Kitsopoulou gab sich in Heidelberg betont gelassen gegenüber den Anfeindungen: Dieses Lager interessiere sie nicht, aber die Diskussionen zeigten ihr, dass die Kritik genau bei denen angekommen sei, die sie mit ihrem Stück gemeint habe.

 

 

Der blinde Punkt
von Yannis Mavritsakis
Deutsch von Martin Scharnhorst
Einrichtung: Meike Hedderich. Gelesen von: David Grimaud, Elisabeth Hütter, Peter Lindhorst, Sibel Polat, Stefan Reck.

Athanasios Diakos – Die Rückkehr
von Lena Kitsopoulou
Deutsch von Theo Votsos
Dramaturgie und Einrichtung: Jürgen Popig und Mona Rieken. Gelesen von: Massoud Baygan, Elisabeth Hütter, Volker Muthmann, Stefan Reck.

Am Bildschirm Licht
von Vangelis Hadjiyannidis
Deutsch von Martin Scharnhorst
Dramaturgie und Einrichtung: Karoline Felsmann. Gelesen von: David Grimaud, Felix Jeiter, Charity Laufer, Peter Lindhorst, Sibel Polat.

 

Zum Essay über die griechische Theaterlandschaft

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