die schweizer krankheit - Uta Bierbaum lässt drei Sehnsuchtsgestalten an Heimweh leiden

Der Traum vom weißen Porsche

von André Mumot

Salons mit Säulen waren an der Tagesordnung. Damals. Als Tschechow 1901 seine "Drei Schwestern" herausgebracht hat, war es üblich, in Szenenanweisungen Orte präzise zu beschreiben, das Licht, dass durch die Gartenfenster fällt, die Haltungen der Personen: "Mascha, im schwarzen Kleid, den Hut auf den Knien, sitzt und liest in einem Buch, Irinia, in einem weißen Kleid, steht in Gedanken versunken."

Uta Bierbaum verzichtet, 102 lange Jahre später, auf derartige Anweisungen fast vollkommen. Eine gibt es: "ein brief ist ein brief ist ein brief, heißt: idealerweise wird der folgende text nicht gesprochen, sondern an die wand projiziert, während das Mädchen spricht. oder so." Und wie einst im Tschechowschen Säulensalon mit Sonneneinfall funkelt in diesen Zeilen das ganze Theater der Gegenwart auf und kulminiert in den beiden Worten "oder so".

Waidwunde Sehnsuchtsgestalten

Demonstrativ vage bleibt die Autorin, vermutlich, weil das Offene einen größeren Resonanzraum für Emotionen eröffnet. Uta Bierbaum vertraut darauf, dass sich hinter lakonischer Schnoddrigkeit, hinter lyrisch angehauchten Kurzformulierungen, hinter einem "oder so" im Kopf des Lesers oder des späteren Theaterpublikums ganze Welten auftun, sich Geschichten fortspinnen, Realitäten, Psychologien, Haltungen.

Uta Bierbaums Protagonisten sind somit nur die Spitze des Eisbergs ihres jeweiligen Leidenswegs, äußern knapp, doch meistens poetisch aufgeheizt, wie tief verzweifelt sie sich fühlen. Sie leiden unter der Schweizer Krankheit, die diesem Stück den Titel gibt, und die nichts anderes als das Heimweh bezeichnet. Hier jedoch ist es weniger das Heimweh nach Orten, als nach den großen, echten Empfindungen. Es sind waidwunde Sehnsuchtsgestalten, ebenso wie die drei Schwestern. So wird Tschechows Text immer wieder von einer der drei Figuren zitiert, einer Schauspielerin, die das Sück gerade einstudiert. Einmal sagt sie dazu aufschlussreicher Weise: "die proben sind ein guter zeitvertreib./ ich ziehe mir gedanken anderer menschen an wie kleider. wirklichkeiten anprobieren."

Gemeinsam vom Tod träumen

Alles andere als angenehm sind die Wirklichkeiten, die sich aus den sich selbst umkreisenden Reden der Figuren ergeben. Die Schauspielerin spioniert ihrer Exfreundin nach, von der sie nicht loslassen kann, bis diese ihr die Polizei auf den Hals hetzt. Ein Mädchen, das sie am Bahnhof trifft und in ihrer Wohnung unterkriechen lässt, versucht, ihren an schwerer Depression leidenden Freund zu verstehen, indem es sich selbst "ausschüttet", leer macht, in finsterste Einsamkeit und bedrohlichste Gedanken hineinsteigert: "ich muss doch wissen, wie das ist! damit wir zusammen vom tod träumen können."

Die dritte "Schwester" im Bunde ist ein Taxifahrer, der in die Polster seines Wagens furzt, zusammen mit seiner krebskranken Mutter lebt, die ihn unentwegt anruft, der noch nie mit einer Frau zusammen war (aber manchmal "in puff" geht) und das offenbar unverzichtbare proletarische Gegengewicht zu den beiden inniglich verstörten, ganz in ihrer Gefühlswelt verankerten Frauenfiguren bildet. Er weiß, dass diese nur "luxusprobleme" haben, sehnt sich aber ebenfalls nach dem großen Aufbruch: "ich träum von einem weißen porsche, der bringt mich raus aus dieser stadt."

Auffällige musikalische Sensibilität

Uta Bierbaum, 1980 geboren, ist ausgebildete Schauspielerin und studiert derzeit Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin. Im Rahmen einer Förderung durch die Heinrich Böll-Stiftung ist in der Neuköllner Oper Anfang dieses Jahres bereits ihr Text "Uschi und Bolle" aufgeführt worden – als Teil einer Kiezkantate, die sich "Neuköllateralschaden" nannte. Auch in "die schweizer krankheit" hat die Autorin nun mit auffälliger musikalischer Sensibilität gearbeitet, flicht die Stimmen ihrer drei Verzweifelten in 15 überaus knapp komponierten Szenen und ausgefeilten Arrangements ineinander und lässt sie dabei eine Mischung aus profanem (zugleich künstlich überhöhtem) Alltagsduktus ("mutter! zieh dir was feines an, wir gehen in theater!") und zarter poetischer Befindlichkeiten sprechen: "ich will dich/ kaputtlieben./ sagst du./ du löst dich auf./ sag ich./ wie ein fetzen.")

Olga, Mascha und Irina waren Gestalten ihrer Zeit, salongefesselte, gedankenschwere Wesen, deren Sehnsucht unerfüllbar blieb und auf die nicht einmal große Ausbrüche warteten. Uta Bierbaums Figuren sind heute ohne Zweifel ebenso zeitgenössisch wie es Tschechows Schwestern anno 1901 gewesen sind. Sie sind verankert in einem Leben ohne echte soziale Herausforderung, das ihnen dafür aber unentwegt sinnliche und emotionale Positionierungen abzuverlangen scheint.

Aus der zarten Depression erwächst eine unerwartete Härte

Sie wollen das große Gefühl so wie ihre Autorin die große Szene will, die Poesie der Liebessprache und schließlich die Radikalität des Kotz-Blut-Klo-Sex-Exzesses. So komponiert Bierbaum ihrem Trio schließlich ein druckvoll donnerndes Crescendo aus entfesselter Sexualität und rüden Beschimpfungen, aus Vergewaltigung, Totschlag und Selbstmord. Aus der zarten Depression erwächst eine unerwartete Härte, eine gierig expressionistisches Aus-dem-Gleis-Geraten: "ich zerre sie in einen hauseingang/ halte fest/ drücke zu/ schlage ihren kopf/ ich schlage deinen kopf."

Die Wirklichkeiten, die das Stück und seine Figuren anprobieren, tönen als schmerzlich artifizielle Musik aus seinen knappen Szenen. Real sind sie wohl eher nicht. Dafür effektvoll melodramatische Projektionen vom großen Gefühl, von der harten, schmutzigen und sentimentalen Tragik, die aus der Banalität des Lebens am Ende mit etwas Glück vielleicht doch Kunst pressen kann. Wahrscheinlich müsste auch "die schweizer krankheit" gesungen werden – die Symptome, die durch diesen Text fiebern jedenfalls, sind große Oper.

 

 

Lesung von  "die schweizer krankheit" am zweiten Autorentag, 4. Mai um 11 Uhr im Alten Saal.

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